Armut ist tödlich: Mann wird beim Pfandsammeln von Zug überfahren
Eine Pfandflasche kostet einem Slowaken im 23. Bezirk Wiens das Leben. Ein tragischer Unfall, der ohne Armut aber niemals entstanden wäre.
Ein 45-jähriger Slowake in Wien wird am Bahnhof Liesing beim Pfandflaschensammeln gesichtet. Als er an eine Pfandflasche auf dem Gleisbett rankommen will, wird er von einem durchfahrenden Railjet erfasst und stirbt noch an Ort und Stelle. Dem Mann, seiner Familie und auch dem womöglich traumatisierten Bahnfahrer gilt unser tiefstes Beileid. Doch wir müssen darüber sprechen, warum ein 45-jähriger Mann auf Pfandflaschen angewiesen sein muss und dafür sogar auf ein Gleisbett steigt.
19 Prozent der gesamten österreichischen Bevölkerung sind armutsgefährdet – allein in Wien sind es satte 29 Prozent, also mehr als ein Viertel der gesamten Wiener Bevölkerung. Besonders von Armut geprägt sind slawische Menschen und Migrant:innen aus dem Balkan, die in den letzten Jahrzehnten nach Österreich und vor allem nach Wien migriert sind. Fast die Hälfte der Bevölkerung Wiens hat migrantische Wurzeln oder sind keine österreichischen Staatsbürger:innen.
Von der Armut sind aber auch Frauen betroffen, die alleinerziehend oder in Abhängigkeit eines Ehepartners leben. 17 Prozent aller Familienformen sind Ein-Eltern-Haushalte in Österreich, von denen die meisten alleinerziehende Mütter sind, die nicht ausreichend Geld und Zuschüsse bekommen – teilweise müssen sie neben der Kindererziehung und häuslichen Aufgaben wie Essen und Waschen auch noch in Teilzeit arbeiten gehen, um sich über Wasser halten zu können.
In Österreich gibt es keinen Mindestlohn, sondern branchenspezifische Kollektivverträge (ähnlich wie Tarifverträge in Deutschland). Der Mindestlohn des schlechtesten Kollektivvertrags beträgt 1.900 Euro brutto – nach Abzügen bleiben üblicherweise 1.400 Euro netto, das einer ganzen Familie kaum zum Überleben reichen dürfte. Wuchermieten, erhöhte Spritpreise, teurere Nahrungsmittel: In nahezu allen Ländern weltweit kennen wir diese Entwicklungen bestens. Österreich ist keine Ausnahme dabei und es trifft ein Fünftel der gesamten Bevölkerung am härtesten.
All diese Menschen müssen um ihre Existenz bangen – die einen mehr als die anderen. Wenn ein 45-jähriger Slowake also beim Pfandflaschensammeln stirbt, weil er trotz eventueller Vollzeitarbeit nicht genug Geld verdient, dann ist nicht seine Unachtsamkeit oder der fahrende Lokführer schuld, sondern eine Regierungsform, in der Armut der Alltag für viele Menschen ist, weil sie von Staat und Parteien im Stich gelassen werden. Der Tod dieses Slowaken mag ein Einzelfall in dieser Form sein, doch ist er gleichzeitig zutiefst politisch.
Der Kapitalismus macht nur Reiche glücklich – wir normalen Arbeiter:innen, Rentner:innen oder Erwerbslose müssen um’s Überleben kämpfen. Es braucht entschädigungslose Enteignungen, damit Menschen nicht mehr obdachlos werden müssen und eine von Arbeiter:innen kontrollierte Wirtschaft, in der alle lebensnotwendigen Grundnahrungs- und Bedarfsmittel allen günstig oder sogar kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, damit niemand am Existenzminimum leben muss.