Frauen und LGBTI*

Antwort an eine Leserin: Warum brauchen wir eine Frauenbewegung?

Die Leserin nora hat uns auf zwei Artikel geantwortet. Auf einige der aufgeworfenen Diskussionen wollen wir hier antworten.

Antwort an eine Leserin: Warum brauchen wir eine Frauenbewegung?

Liebe Leserin,

danke für den Diskussionsanstoß durch die Kommentare in den beiden Artikeln. Ich will gar nicht erst versuchen, auf alles einzugehen, sondern nur die Elemente aufgreifen, die mir am wichtigsten erscheinen.

Ich denke, der Ausgangspunkt jeder Diskussion darüber, wie gegen Frauenunterdrückung gekämpft werden kann, besteht darin zu klären, warum Frauenunterdrückung überhaupt existiert: Sie hat eine materielle Basis in der Klassengesellschaft, die jeweils historisch spezifisch ist für verschiedene Produktionsweisen. Die heutige weltweite Produktionsweise ist die kapitalistische. Was wir Patriarchat nennen, ist keine ewige Kategorie, da es kein Bündnis aller Männer über die Geschichte und Klassen hinweg gibt. Das Patriarchat des Kapitalismus ist also ein anderes als zum Beispiel das des Feudalismus.

Die patriarchale Unterdrückung im Kapitalismus ist verwoben mit den Interessen der herrschenden Klasse, des Kapitals, nach Profit und nach Spaltung der lohnabhängigen Klasse.Wir gehen also davon aus, dass Geschlechter keine Klassen bilden, und Unterdrückung nicht das gleiche ist wie Ausbeutung von Lohnarbeit. Sexistische Ideologien, Gesetze und Strukturen ergeben sich allerdings auf der Basis kapitalistischer Ausbeutung – deshalb muss sie beseitigt werden, um die Befreiung von Unterdrückung letztlich zu erreichen.

Wir sind der Überzeugung, dass nur die Arbeiter*innenklasse die materielle Kraft hat, diese Basis zu zerstören. Unsere Strategie gegen die Frauenunterdrückung ist also die sozialistische Revolution unter Führung der Arbeiter*innenklasse – die selbst zu einem großen Teil aus Frauen besteht.

Damit das gelingt, müssen wir aber die Spaltung der Arbeiter*innenklasse überwinden – natürlich nicht nur in Bezug auf Sexismus, sondern auch in Bezug auf Rassismus oder Heterosexismus. Denn die Revolution kann nicht nur von dem weißen, männlichen Teil der Arbeiter*innenklasse gemacht werden.

Dafür muss unsere Klasse ein Bündnis aller Unterdrückten anführen, deren Forderungen sie in ihr eigenes Programm aufnimmt und umsetzt. Und sie muss sich unabhängig vom Kapital und allen seinen Stellvertreter*innen organisieren, da das Kapital im Zweifel stets mit der Reaktion paktiert, um seine Macht zu erhalten – spätestens, wenn es an die irgendwann notwendige Vergesellschaftung der Produktionsmittel geht, die es nicht dulden kann. Das hauptsächliche Werkzeug, mit dem die Arbeiter*innenklasse ihre historische Leistung der Befreiung der Menschheit vollbringen kann, ist für uns die revolutionäre Arbeiter*innenpartei nach Vorbild der Bolschewiki.

Selbstorganisierung als strategische Notwendigkeit

Organisierte revolutionäre Männer verstehen, dass sie gegen Unterdrückung kämpfen müssen. Einige von ihnen erleben auch Formen von Unterdrückung am eigenen Leib, wie Rassismus, Homo- oder Transphobie. Doch auch wenn sie selbst nicht unterdrückt werden, bedeutet revolutionäre Organisierung folgende Einsicht: Wenn wir für eine Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung kämpfen wollen, den Kommunismus, dann müssen sich alle Geschlechter aktiv für den Kampf gegen das Patriarchat einsetzen. Diese Haltung können und sollten wir von Männern einfordern. Aber das reicht nicht aus, um den Kampf gegen Frauenunterdrückung zur Sache der bewussten Arbeiter*innenklasse zu machen. Wir müssen als Kommunist*innen eine Politik machen, die über unsere Organisationen und die linke Szene herausreicht, weil nicht wir alleine dieses System überwinden können. Wir streben im Zuge des Aufbaus einer revolutionären internationalen Kampfpartei des Proletariats einen Dialog und gemeinsame Gruppierungen mit den fortschrittlichsten Sektoren der Gesellschaft an – in diesem Sinne ist die Selbstorganisierung von Frauen keine moralische Forderung, sondern eine strategische Notwendigkeit.

Denn wenn wir von „eine[r] starke[n] Frauenbewegung, unabhängig vom Staat und den Parteien der Kapitalist*innen“ reden, dann meinen wir nicht kommunistische Frauen, die schon organisiert sind. Sondern wir meinen eine Kraft, die Frauen – vor allem Arbeiterinnen – mobilisiert, sie zusammenfasst und politisiert, ihnen dabei hilft ein Bewusstsein über ihre Unterdrückung zu erlangen.

Revolutionäre Frauenorganisierung bedeutet also nicht „Selbstzweck“, sondern eine Konfrontation der bürgerlichen Hegemonie. Der Selbstorganisierung wollen wir einen revolutionären Inhalt geben, indem wir die demokratischen Forderungen gegen Unterdrückung am entschiedensten vorantreiben und auf ein Bündnis mit dem Proletariat hinwirken, das sie als anführende Kraft erfüllen kann. Diese Kraft konnten wir aktuell am Beispiel Polens sehen, wo ein politischer Streik der Frauen den neuen Entwurf des Abtreibungsgesetzes verhinderte.

Unsere Botschaft an sich organisierende Frauen ist: Die Frauenbewegung muss die Arbeiter*innenklasse für ihr Anliegen gewinnen und mit ihr die Revolution machen. Unsere Erfahrung als Trotzkistische Fraktion war zum Beispiel bei Panrico, dass für viele Arbeiterinnen das Nachdenken über ihre Situation als arbeitende Frauen und ihre spezifische Unterdrückung ein wichtiger Moment der Politisierung war und dass die Thematisierung ihrer Probleme als Frauen mehr Frauen in Kämpfe gezogen hat. Unsere Erfahrung war auch, dass sie dadurch zu wichtigen Kämpferinnen der Anliegen der gesamten Arbeiter*innenklasse geworden sind. Selbstorganisierung der Frauen im revolutionären Sinne ist also nicht separatistisch, sondern wirkt einigend auf unsere Klasse.

Denn die Frauenbewegung sehen wir nicht unabhängig von der gesamten Arbeiter*innenbewegung. Diese muss die Forderungen der Frauen aufnehmen und sie zum Sieg führen. Aber wir können aufgrund der bestehenden Spaltungen nicht darauf hoffen, dass sie das notwendigerweise von selbst tun wird – wenn sie das täte, bräuchten wir vielleicht tatsächlich keine Frauenbewegung.

Eine starke, auf die Arbeiter*innenklasse orientierte Frauenbewegung hingegen kann eine materielle Kraft sein, die auch diejenigen Arbeiter für die Sache der Frauenbefreiung gewinnt, die heute noch unhinterfragt sexistisch sind und die sich überhaupt nicht dafür interessieren, dass wir denken, sie sollten gegen das Patriarchat kämpfen und ein anderes Bewusstsein haben. Sie kann eine Kraft sein, die es schafft, die Anliegen der Frauen zu einem Anliegen der gesamten Klasse zu machen. Denn auch wenn wir von der Arbeiter*innenklasse reden, reden wir ja vor allem über eine nichtkommunistische, unorganisierte Arbeiter*innenklasse, die ein zutiefst reformistisches, sexistisches, rassistisches Bewusstsein hat. Wenn sie sehen, wie ihre Kolleginnen, Partnerinnen, Töchter und Freundinnen sich ihrer Unterdrückung bewusst werden und sich dagegen wehren, wenn sie erleben, dass damit auch ihre Kämpfe gestärkt werden, dann kann dies viel eher ihr Bewusstsein ändern, als wenn wir sie abstrakt oder auf rein moralischer Ebene dazu auffordern.

Frauenbefreiung ist kein Nebenwiderspruch

Endgültig kann sexistisches Bewusstsein wie anfangs erwähnt nur durch Entzug der materiellen Basis überwunden werden, also erst in der klassenlosen Gesellschaft, im Kommunismus, zu dem wir nur durch eine bewusste Bewegung mit einer wissenschaftlichen Theorie und einer Partei kommen können. Anders als die Traditionen des Stalinismus und Maoismus („Nebenwiderspruchthese“) sind wir aber nicht der Ansicht, dass sich die Interessen der Frauen, Unterdrückungen abzuschütteln, dem „Hauptwiderspruch“ zwischen Kapital und Arbeit unterzuordnen haben und auf später verschoben werden könnten. Unseres Erachtens stehen diese Kämpfe in dialektischer, füreinander notwendiger und einander verstärkender Beziehung.

Wenn wir uns als sozialistische Frauen organisieren, geht es uns dabei nicht vor allem darum, dass es angenehmer sein kann, über bestimmte Dinge „unter uns“ zu reden – denn wie du sagst, dieses „unter uns“ existiert überhaupt nicht so.

Es geht uns darum, Politik nach außen zu machen. Denn auch wenn wir denken, dass die endgültige Befreiung erst nach der Revolution errungen werden kann, glauben wir, dass es wichtig ist, unsere Lebensbedingungen hier und heute zu verbessern. Dafür führen wir heute schon Kämpfe gegen sexistische Strukturen und Gesetze. Dabei machen wir wichtige Kampferfahrungen und überzeugen Menschen von unserem Programm. Klassenkämpferischer Feminismus ist in diesem Sinne – wie unsere gesamte Strategie, die wir die sowjetische Strategie nennen – „gefechtszentriert“, orientiert auf Veränderung der Kräfteverhältnisse in realen Kämpfen.

Wir sind der Überzeugung, dass es einen Unterschied macht, ob wir als Betroffene selbst kämpfen, oder als mit den Kämpfen Solidarische. Wir wollen dafür sorgen, dass die tatsächlichen Stimmen und Anliegen der Betroffenen im Vordergrund stehen. Das bedeutet nicht, dass Nicht-Frauen keinen Platz in diesen Kämpfen haben. Es ist nur nicht der gleiche.

Wir meinen außerdem, dass die Organisierung als sozialistische Frauen eine gute Taktik ist, neue Frauen dafür zu gewinnen, für ihre eigene Befreiung zu kämpfen. Wir denken, dass wir mit Arbeiterinnen besser darüber diskutieren können, was ihre Probleme als arbeitende Frauen sind und welche Forderungen sie aufstellen können. Wir sind außerdem der Ansicht, dass wir so besser gegen den Sexismus in unseren eigenen Organisationen kämpfen können.

Frauenorganisierung als Teil einer revolutionären Partei

Wir denken aber keineswegs, dass es ausreicht, uns als Frauen zu organisieren. Das wäre Separatismus, den wir für Frauen ebenso ablehnen wie für von Rassismus oder nationaler Unterdrückung Betroffene. Denn die objektiven Interessen des Proletariats als Ganzes, seiner unterdrückten Teile und der unterdrückten Massen außerhalb des Proletariats sind dieselben. Wir treten für eine zentralistische Organisierung ein, welche die Selbstorganisierung Unterdrückter anerkennt und fördert, aber als Gesamtorganisation – auf dem höchsten Niveau revolutionären Bewusstseins schließlich in Parteiform – gemeinsam plant und zuschlägt. Alles andere ist eine Schwächung unserer Bewegung. Im gleichen Sinne können wir so denke ich auch bewusst auf die von dir aufgeworfenen Spaltungen innerhalb der Kategorie Frau – oder anderen Kategorien – antworten.

Wir diskutieren deshalb nicht nur unter Frauen über Sexismus, sondern in unserer Organisation gemeinsam mit allen. Wir machen alle unsere Interventionen gemeinsam. Wir wollen Gruppierungen von sozialistischen Frauen aufbauen, als Teil einer revolutionären Organisation von allen Geschlechtern. Vielleicht sagen wir das nicht oft genug!

Drei Bemerkungen noch zu Punkten, bei denen ich dir – falls ich dich richtig verstanden habe – voll zustimme und die nicht oft genug gesagt werden können oder die ich gerne ergänzen möchte:

  1. Ich denke auch nicht, dass jede revolutionäre Frau die Frauenfrage zu ihrem Thema machen muss. Ich persönlich finde es aber falsch, es als unfair darzustellen, wenn eine Frau das tun will – zumal ja leider vor allem die Unterdrückung selbst es ist, die unfair ist. Die Frauenfrage ist nicht eine unwichtige Nebenfrage, mit der sich Frauen beschäftigen, während die Männer „echte“ Politik und Theorie machen. Die Hälfte der Menschheit von Unterdrückung zu befreien – und zwar mittels der sozialistischen Revolution – ist keine Kleinigkeit. So zu tun, als ob sie das wäre, weil es um Frauen geht, das wäre sexistisch.
  2. Ich denke auch, dass es wichtig ist, aufzuzeigen, dass nicht alle Männer gleichermaßen von Sexismus profitieren, sondern dass das vor alle weiße Männer des Bürgertums tun. Und wir sollten nicht schönreden, wie das Patriarchat das Bewusstsein von Männern verstümmelt, ihnen begrenzte Möglichkeiten bietet, weil sie einem Bild von Männlichkeit entsprechen müssen. Ebenso stimmt es, dass Frauen teils Sexismus reproduzieren und versuchen, auf Basis der sexistischen Strukturen der Gesellschaft einen Vorteil im Vergleich zu anderen Unterdrückten zu erhalten. Dazu fordert das Patriarchat sie auch auf. Das bedeutet trotzdem nicht, dass es keine strukturelle Diskriminierung von Frauen gäbe, die Männer als Gruppe von gewissen Aufgaben befreit. Es ist also nicht das gleiche, als Frau gegen das Patriarchat zu kämpfen oder als Mann. Genau so wie es nicht das gleiche ist, als weiße Person gegen rassistische Diskriminierung zu kämpfen, wie als nicht-weiße, auch wenn weiße Arbeiter*innen objektiv durch die rassistische Spaltung ihrer Klasse Schaden durch Rassismus erleiden.
  3. Natürlich dürfen sich auch Männer zur Frage der Frauenunterdrückung äußern, ja kommunistische Männer sollten das sogar tun (und sie müssen sich dafür auch keineswegs entschuldigen!). Sie dürfen leidenschaftlich darüber diskutieren, wie die Frauenbefreiung erreicht werden kann. Sie dürfen dabei auch ihre Genossinnen und andere Frauen und ihre Vorstellungen kritisieren. Deshalb schreiben hier auf KlassegegenKlasse.org auch immer wieder Männer zu diesen Fragen Artikel. Gleichzeitig denke ich, dass es wichtig ist, dass Frauen auch in der ersten Reihe unserer Politik stehen – besonders in Bezug auf die Frauenfrage, weil Frauen hier eben durch ihre eigenen Erfahrungen einen direkteren Zugang haben. Aber natürlich nicht nur hier! Wir brauchen weibliche Anführerinnen, die sich zu allen Themen äußern können.

One thought on “Antwort an eine Leserin: Warum brauchen wir eine Frauenbewegung?

  1. nora sagt:

    Liebe Lily,

    vielen Dank für deine Ausführliche Antwort. Ich gehe mit den meisten Punkten mit und bin froh über einen derartigen Überblicksartikel. Gleichzeitig sehe ich einige Missverständnisse zu den Analysen meinerseits, die durch den Artikel deutlich werden:

    1. Moralische Kritik an (kommunistischen) Männer

    Ich plädiere nicht für eine moralische Kritik von „den Sexisten“. Es geht mir viel mehr um die Frage warum so wenig kommunistische Männer* die Frage von patriarchaler Unterdrückung als eigenes Unterfangen angehen. Und ich denke, dass dies mit dem Thema „proletarische Frauenbewegung“ STATT gemeisname antipatriarchale Kämpfe zusammenhängt. Frauen* aus ihren Organisationen werden ständig vorgeschoben, oder es wird den weiblichen Expertinnen nachgeplappert. Eigene Analysen/ Diskussionen von Männern* oder unter Männern* zum Thema anti-patriarchaler Kämpfe gibt es kaum. Das ist meine Kritik, denn ohne diese, wie du schreibst auch gerne leidenschaftlichen Diskussionen, kommen wir, die zu Frauen gemacht werden auch nicht weiter! Denn: Befreiung geht nur gemeinsam!

    Ich stelle mir also eine proletarische Bewegung vor, in der die Frage von sexistischer Unterdrückung und patriarchaler Gewalt von ALLEN bekämpft wird; mit unterschiedlichen Mitteln; in unterschiedlichen Räumen: Und ich stimme dir/ euch zu, dass dies aus unterschiedlichen sozialen Positionen heraus anders aussehen kann. Und hier ist mir das ‚kann‘ besonders wichtig. Denn: Aus einigen eurer Artikel kam eure Position mir sehr starr vor – Frauen gehören in die proletarische Frauenbewegung usw. Ich lese aus deinem Artikel jetzt, dass ihr dies nicht grundsätzlich fordert. Denn das kam mir besonders sexistisch und veraltert vor.

    Mir geht es darum, dass wir selber entscheiden wo wir unseren Kampfschwerpunkt setzen bzw. diese Entscheidung taktisch von der Organisation gemacht wird. Und ob wir in bestimmten Momenten die Zuschreibung ‚Frau‘ oder die Zuschreibung ‚Ausländerin‘ z.B. unterstreichen weil es taktisch in bestimmten Räumen Sinn macht. Das sehe ich genauso.

    2. Haupt- und Nebenwiderspruch

    Die ANG hat in dem vom mir verlinktem Artikel (Beitrag bei einer Podiumsdiskussion auf dem Revolution-Camp 2015) die Begrifflichkeit ‚Haupt-‚ und ‚Nebenwiderspruch‘ benutzt. Dies wurde jedoch explizit nicht in maoistischer Tradition verstanden. In dem Beitrag wird explizit gesagt, dass es nicht darum geht „bis nach der Revolution“ zu warten sondern, dass nur eine Revolution stattfinden kann, wenn wir diese Widersprüche gemeinsam angehen – wie soll es sonst zu einem vereintem Proletariat kommen? Der Begriff steht jedoch in einer maoistischen Tradition die oft genug so verstanden wird wie du es nochmals in deinem Artikel beschreibst. Daher würde ich auch sowas wie „Grundwiderspruch“ und „andere Widersprüche“ sagen. Dies tue ich weil in meinem Verständnis die Intersektionalitätstheorie, die besagt das alle Unterdrückungsverhältnisse gleichermaßen wirkkräftig sind und ineinandergreifend als Systeme existieren, wenig Aufschluss über die ökonomische Grundlage kapitalistischer Gesellschaften gibt. Ergo: Der grudlegende Widerspruch bleibt der zwischen Kapital und Arbeit – also Ausbeutung. Sexismen, Rassismen etc. gehen jedoch Hand in Hand und schaffen es im Sinne des Kapitals nicht nur unsere Klasse zu spalten sondern auch unterschiedlichste Gruppen von Proletarier*innen zu schaffen, die so ‚legitim‘ (durch Ideologie) z.B. schlechter oder gar nicht bezahlt werden für ihre Arbeit (Stichwort Reproduktionsarbeit). Mir ist es jedoch wichtig auf die Zentralität des Widerspruchs von Kapital und Arbeit hinzuweisen und somit feministischer oder antirassistischer Politik (ohne klassenkämpferischen Antikapitalismus) deutlich eine Abfuhr zu erteilen, da diese schlussendlich nichts weiter als bürgerlichen Reformismus beinhalten und sich bestenfalls über weibliche Aufsichtsräte oder einen schwarzen Präsidenten freuen; beides KEINE Errgungenschaften für weibliche und/oder nicht-weiße Proletarier*innen, da ihre Unterdrückung und Ausbeutung bei nichten auch nur angegriffen wird. Nur können sie jetzt von „ihres gleichen“ ausgebeutet und beherrscht werden. Und dabei gilt es zu unterstreichen, dass weibliche Kapitalist*innen und/oder nicht-weiße Kapitalist*innen (und deren Handlager in Politik und der Polizei z.B.) nunmal nicht „Teil von uns“ sind. Dass dieses UNS nur das UNS aller Ausgebeuteten sein kann.

    3. Organisierung als Frauen = Taktik

    Auch hier habe ich nichts dagegen. Im Gegenteil. Und das habe ich in meinen Kommentaren auch immer betont.

    Du schreibst, dass wir als Frauen ggf. andere (noch nicht revolutionäre) Frauen besser adressieren können. Das kann sein. Oder auch nicht. Oft spielt z.B. Alter oder Milieu/ Habitus eine wichtigere Rolle als die gemeinsame Erfahrung als ‚Frau‘ in der Gesellschaft zu leben. Denn diese Erfahrung ist so extrem unterschieldich!

    Ich kann z.B. oft wenig mit Frauen jeglichen Alters die vom Land kommen anfangen. Wir haben eine so unterschiedliche Lebenserfahrung, dass es mir oft schwer fällt Anknüpfungspunkte zu finden. Mit jungen Männern aus Metropolen, vor allem solchen die auch in Brennpunktkiezen groß geworden sind, schon viel mehr z.B.

    Unter Kommunist*innen sind Menschen aus der Mittelschicht besonders prominent vertreten. Das sind die Menschen die halt auch die meiste Zeit haben sich mit diesen Themen zu beschäftigen, die keine krassen finanziellen Hussels haben etc. Ich erlebe oft, dass proletarische und sub-proletarische Frauen GAR NICHTS mit dem Gelaber von Uni-Tanten anfangen können. Egal ob Marxist*innen oder bürgerlichen Feminist*innen. Aber verstehen wenn sie sich mit Männern ihrer Community zu finanziellen Problemen austauschen, denn: die haben sie beide.

    Was will ich mit diesen Beispielen sagen?

    Ich denke, dass es taktisch sinnvoll ist in bestimmten Bereichen Teile des Proletariats in einer bestimmten sozialen Identität anzusprechen: als Frauen, als illegalisierte Arbeiter*innen, als Migrant*innen etc. Etwas anderes habe ich auch nie behauptet. Meine Kritik an dem was ich zuvor bei euch gelesen hatte war, dass ihr in der Frage der Bekämpfung und Überwindung von sexistischer Unterdrückung komplett auf eine „proletarische Frauenbewegung“ gesetzt habt, wobei 1. nicht deutlich wurde was dann die revolutionären Männer* machen (und mir immernoch nicht klar wird) sowie 2. die Möglichkeit Menschen die auch Frauen sind ggf. unter anderen Prämissen anzusprechen (siehe oben).

    Was heißt dies alles nun?

    Ich denke wir sind uns im Kern der Analyse von Ausbeutung und Unterdrückung einig.
    Auch sind wir uns einig, dass Männer* und Frauen* ANDERE Lebensrealitäten in patriarchal-kapitalistischen Gesellschaften erfahren und somit Kämpfe gegen patriarchale Scheiße anders aussehen KÖNNEN, nicht MÜSSEN. Ich ziehe aus dem ganzen immernoch keine NOTWENDIGKEIT einer proletarischen Frauen*bewegung sondern die Notwendigkeit einer revolutionören Organisierung gegen alle Formen von Unterdrückung; aus allen sozialen Positionen heraus. Diese kann taktisch dann migratische Proletarier*inenn ansprechen wenn dies für uns als Organisation Sinn macht, oder ggf. auch Frauen. Mir ist es nur wichtig, dass wir uns ALLE als Revolutionär*innen mit Fragen nach Forderungen oder auch nach Taktik auseinandersetzen. Kein Abschieben der ‚Frauenfrage‘ an die weiblichen* Genoss*innen, kein Abschieben der Frage von Rassismus auf die nicht-weißen Menschen aus der Gruppe etc. Denn das ist aktuell gängige kommunistische Praxis, was ich als nicht-weiße weibliche Kommunistin die in einer explizit migrantischen revolutionären Gruppe organisiert ist, zu oft außerhalb meiner Organisation erlebe (ständig als Feminismus- und/ oder Rassismusexpertin angesprochen zu werden, nie als eine Person die vielleicht auch zu PolÖk, Philosophie oder Sicherheitsfragen was zu sagen haben könnte).

    Nach so viel Geschreibsel stellt sich mir die berühmte Frage: Was tun?

    1. Nur durch innere Einigkeit in unserer Programmatik kommen wir als revolutionäre Organisationen weiter.
    2. Konkrete Analyse der konkreten Situation. Kein Überstülpen vorgefertigter Muster auf unsere Lebenrealität.
    3. Revolutionäre Organisierung an den Lebens- und Kampforten von Proletarier*innen. Kiezarbeit!
    4. Keine reine Betriebsarbeit – Aufzeigen der Limitierung von gewerkschaftlciher Organisierung!
    5. Keine Konzentrierung auf reine Uniarbeit/ Ansprechen von Gymnasiat*innen/ Mittelschichts Kids.
    5. Aufbau von revolutionären Arbeiter*innengruppen, dort wo am meisten Kampfpotenzial besteht.

    Und all das aus einer antisexistischen, antirassistischen – kurz einer revolutionären Perspektive die gegen alle Formen von Unterdrückung gleichberechtigt kämpft, ohne starr oder statisch zu werden.

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