Frauen und LGBTI*

Antwort an eine Leserin: Warum brauchen wir eine Frauenbewegung?

Die Leserin nora hat uns auf zwei Artikel geantwortet. Auf einige der aufgeworfenen Diskussionen wollen wir hier antworten.

Antwort an eine Leserin: Warum brauchen wir eine Frauenbewegung?

Liebe Leserin,

danke für den Diskus­sion­sanstoß durch die Kom­mentare in den bei­den Artikeln. Ich will gar nicht erst ver­suchen, auf alles einzuge­hen, son­dern nur die Ele­mente auf­greifen, die mir am wichtig­sten erscheinen.

Ich denke, der Aus­gangspunkt jed­er Diskus­sion darüber, wie gegen Fraue­nun­ter­drück­ung gekämpft wer­den kann, beste­ht darin zu klären, warum Fraue­nun­ter­drück­ung über­haupt existiert: Sie hat eine materielle Basis in der Klas­sen­ge­sellschaft, die jew­eils his­torisch spez­i­fisch ist für ver­schiedene Pro­duk­tion­sweisen. Die heutige weltweite Pro­duk­tion­sweise ist die kap­i­tal­is­tis­che. Was wir Patri­ar­chat nen­nen, ist keine ewige Kat­e­gorie, da es kein Bünd­nis aller Män­ner über die Geschichte und Klassen hin­weg gibt. Das Patri­ar­chat des Kap­i­tal­is­mus ist also ein anderes als zum Beispiel das des Feu­dal­is­mus.

Die patri­ar­chale Unter­drück­ung im Kap­i­tal­is­mus ist ver­woben mit den Inter­essen der herrschen­den Klasse, des Kap­i­tals, nach Prof­it und nach Spal­tung der lohn­ab­hängi­gen Klasse.Wir gehen also davon aus, dass Geschlechter keine Klassen bilden, und Unter­drück­ung nicht das gle­iche ist wie Aus­beu­tung von Lohnar­beit. Sex­is­tis­che Ide­olo­gien, Geset­ze und Struk­turen ergeben sich allerd­ings auf der Basis kap­i­tal­is­tis­ch­er Aus­beu­tung – deshalb muss sie beseit­igt wer­den, um die Befreiung von Unter­drück­ung let­ztlich zu erre­ichen.

Wir sind der Überzeu­gung, dass nur die Arbeiter*innenklasse die materielle Kraft hat, diese Basis zu zer­stören. Unsere Strate­gie gegen die Fraue­nun­ter­drück­ung ist also die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion unter Führung der Arbeiter*innenklasse – die selb­st zu einem großen Teil aus Frauen beste­ht.

Damit das gelingt, müssen wir aber die Spal­tung der Arbeiter*innenklasse über­winden – natür­lich nicht nur in Bezug auf Sex­is­mus, son­dern auch in Bezug auf Ras­sis­mus oder Het­ero­sex­is­mus. Denn die Rev­o­lu­tion kann nicht nur von dem weißen, männlichen Teil der Arbeiter*innenklasse gemacht wer­den.

Dafür muss unsere Klasse ein Bünd­nis aller Unter­drück­ten anführen, deren Forderun­gen sie in ihr eigenes Pro­gramm aufn­immt und umset­zt. Und sie muss sich unab­hängig vom Kap­i­tal und allen seinen Stellvertreter*innen organ­isieren, da das Kap­i­tal im Zweifel stets mit der Reak­tion pak­tiert, um seine Macht zu erhal­ten – spätestens, wenn es an die irgend­wann notwendi­ge Verge­sellschaf­tung der Pro­duk­tion­s­mit­tel geht, die es nicht dulden kann. Das haupt­säch­liche Werkzeug, mit dem die Arbeiter*innenklasse ihre his­torische Leis­tung der Befreiung der Men­schheit voll­brin­gen kann, ist für uns die rev­o­lu­tionäre Arbeiter*innenpartei nach Vor­bild der Bolschewi­ki.

Selbstorganisierung als strategische Notwendigkeit

Organ­isierte rev­o­lu­tionäre Män­ner ver­ste­hen, dass sie gegen Unter­drück­ung kämpfen müssen. Einige von ihnen erleben auch For­men von Unter­drück­ung am eige­nen Leib, wie Ras­sis­mus, Homo- oder Trans­pho­bie. Doch auch wenn sie selb­st nicht unter­drückt wer­den, bedeutet rev­o­lu­tionäre Organ­isierung fol­gende Ein­sicht: Wenn wir für eine Gesellschaft ohne Unter­drück­ung und Aus­beu­tung kämpfen wollen, den Kom­mu­nis­mus, dann müssen sich alle Geschlechter aktiv für den Kampf gegen das Patri­ar­chat ein­set­zen. Diese Hal­tung kön­nen und soll­ten wir von Män­nern ein­fordern. Aber das reicht nicht aus, um den Kampf gegen Fraue­nun­ter­drück­ung zur Sache der bewussten Arbeiter*innenklasse zu machen. Wir müssen als Kommunist*innen eine Poli­tik machen, die über unsere Organ­i­sa­tio­nen und die linke Szene her­aus­re­icht, weil nicht wir alleine dieses Sys­tem über­winden kön­nen. Wir streben im Zuge des Auf­baus ein­er rev­o­lu­tionären inter­na­tionalen Kampf­partei des Pro­le­tari­ats einen Dia­log und gemein­same Grup­pierun­gen mit den fortschrit­tlich­sten Sek­toren der Gesellschaft an – in diesem Sinne ist die Selb­stor­gan­isierung von Frauen keine moralis­che Forderung, son­dern eine strate­gis­che Notwendigkeit.

Denn wenn wir von „eine[r] starke[n] Frauen­be­we­gung, unab­hängig vom Staat und den Parteien der Kapitalist*innen“ reden, dann meinen wir nicht kom­mu­nis­tis­che Frauen, die schon organ­isiert sind. Son­dern wir meinen eine Kraft, die Frauen – vor allem Arbei­t­erin­nen – mobil­isiert, sie zusam­men­fasst und poli­tisiert, ihnen dabei hil­ft ein Bewusst­sein über ihre Unter­drück­ung zu erlan­gen.

Rev­o­lu­tionäre Frauenor­gan­isierung bedeutet also nicht „Selb­stzweck“, son­dern eine Kon­fronta­tion der bürg­er­lichen Hege­monie. Der Selb­stor­gan­isierung wollen wir einen rev­o­lu­tionären Inhalt geben, indem wir die demokratis­chen Forderun­gen gegen Unter­drück­ung am entsch­ieden­sten vorantreiben und auf ein Bünd­nis mit dem Pro­le­tari­at hin­wirken, das sie als anführende Kraft erfüllen kann. Diese Kraft kon­nten wir aktuell am Beispiel Polens sehen, wo ein poli­tis­ch­er Streik der Frauen den neuen Entwurf des Abtrei­bungs­ge­set­zes ver­hin­derte.

Unsere Botschaft an sich organ­isierende Frauen ist: Die Frauen­be­we­gung muss die Arbeiter*innenklasse für ihr Anliegen gewin­nen und mit ihr die Rev­o­lu­tion machen. Unsere Erfahrung als Trotzk­istis­che Frak­tion war zum Beispiel bei Pan­ri­co, dass für viele Arbei­t­erin­nen das Nach­denken über ihre Sit­u­a­tion als arbei­t­ende Frauen und ihre spez­i­fis­che Unter­drück­ung ein wichtiger Moment der Poli­tisierung war und dass die The­ma­tisierung ihrer Prob­leme als Frauen mehr Frauen in Kämpfe gezo­gen hat. Unsere Erfahrung war auch, dass sie dadurch zu wichti­gen Kämpferin­nen der Anliegen der gesamten Arbeiter*innenklasse gewor­den sind. Selb­stor­gan­isierung der Frauen im rev­o­lu­tionären Sinne ist also nicht sep­a­ratis­tisch, son­dern wirkt eini­gend auf unsere Klasse.

Denn die Frauen­be­we­gung sehen wir nicht unab­hängig von der gesamten Arbeiter*innenbewegung. Diese muss die Forderun­gen der Frauen aufnehmen und sie zum Sieg führen. Aber wir kön­nen auf­grund der beste­hen­den Spal­tun­gen nicht darauf hof­fen, dass sie das notwendi­ger­weise von selb­st tun wird – wenn sie das täte, bräucht­en wir vielle­icht tat­säch­lich keine Frauen­be­we­gung.

Eine starke, auf die Arbeiter*innenklasse ori­en­tierte Frauen­be­we­gung hinge­gen kann eine materielle Kraft sein, die auch diejeni­gen Arbeit­er für die Sache der Frauen­be­freiung gewin­nt, die heute noch unhin­ter­fragt sex­is­tisch sind und die sich über­haupt nicht dafür inter­essieren, dass wir denken, sie soll­ten gegen das Patri­ar­chat kämpfen und ein anderes Bewusst­sein haben. Sie kann eine Kraft sein, die es schafft, die Anliegen der Frauen zu einem Anliegen der gesamten Klasse zu machen. Denn auch wenn wir von der Arbeiter*innenklasse reden, reden wir ja vor allem über eine nichtkom­mu­nis­tis­che, unor­gan­isierte Arbeiter*innenklasse, die ein zutief­st reformistis­ches, sex­is­tis­ches, ras­sis­tis­ches Bewusst­sein hat. Wenn sie sehen, wie ihre Kol­legin­nen, Part­ner­in­nen, Töchter und Fre­undin­nen sich ihrer Unter­drück­ung bewusst wer­den und sich dage­gen wehren, wenn sie erleben, dass damit auch ihre Kämpfe gestärkt wer­den, dann kann dies viel eher ihr Bewusst­sein ändern, als wenn wir sie abstrakt oder auf rein moralis­ch­er Ebene dazu auf­fordern.

Frauenbefreiung ist kein Nebenwiderspruch

Endgültig kann sex­is­tis­ches Bewusst­sein wie anfangs erwäh­nt nur durch Entzug der materiellen Basis über­wun­den wer­den, also erst in der klassen­losen Gesellschaft, im Kom­mu­nis­mus, zu dem wir nur durch eine bewusste Bewe­gung mit ein­er wis­senschaftlichen The­o­rie und ein­er Partei kom­men kön­nen. Anders als die Tra­di­tio­nen des Stal­in­is­mus und Mao­is­mus („Neben­wider­spruchthese“) sind wir aber nicht der Ansicht, dass sich die Inter­essen der Frauen, Unter­drück­un­gen abzuschüt­teln, dem „Hauptwider­spruch“ zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit unterzuord­nen haben und auf später ver­schoben wer­den kön­nten. Unseres Eracht­ens ste­hen diese Kämpfe in dialek­tis­ch­er, füreinan­der notwendi­ger und einan­der ver­stärk­ender Beziehung.

Wenn wir uns als sozial­is­tis­che Frauen organ­isieren, geht es uns dabei nicht vor allem darum, dass es angenehmer sein kann, über bes­timmte Dinge „unter uns“ zu reden – denn wie du sagst, dieses „unter uns“ existiert über­haupt nicht so.

Es geht uns darum, Poli­tik nach außen zu machen. Denn auch wenn wir denken, dass die endgültige Befreiung erst nach der Rev­o­lu­tion errun­gen wer­den kann, glauben wir, dass es wichtig ist, unsere Lebens­be­din­gun­gen hier und heute zu verbessern. Dafür führen wir heute schon Kämpfe gegen sex­is­tis­che Struk­turen und Geset­ze. Dabei machen wir wichtige Kampfer­fahrun­gen und überzeu­gen Men­schen von unserem Pro­gramm. Klassenkämpferisch­er Fem­i­nis­mus ist in diesem Sinne – wie unsere gesamte Strate­gie, die wir die sow­jetis­che Strate­gie nen­nen – „gefecht­szen­tri­ert“, ori­en­tiert auf Verän­derung der Kräftev­er­hält­nisse in realen Kämpfen.

Wir sind der Überzeu­gung, dass es einen Unter­schied macht, ob wir als Betrof­fene selb­st kämpfen, oder als mit den Kämpfen Sol­i­darische. Wir wollen dafür sor­gen, dass die tat­säch­lichen Stim­men und Anliegen der Betrof­fe­nen im Vorder­grund ste­hen. Das bedeutet nicht, dass Nicht-Frauen keinen Platz in diesen Kämpfen haben. Es ist nur nicht der gle­iche.

Wir meinen außer­dem, dass die Organ­isierung als sozial­is­tis­che Frauen eine gute Tak­tik ist, neue Frauen dafür zu gewin­nen, für ihre eigene Befreiung zu kämpfen. Wir denken, dass wir mit Arbei­t­erin­nen bess­er darüber disku­tieren kön­nen, was ihre Prob­leme als arbei­t­ende Frauen sind und welche Forderun­gen sie auf­stellen kön­nen. Wir sind außer­dem der Ansicht, dass wir so bess­er gegen den Sex­is­mus in unseren eige­nen Organ­i­sa­tio­nen kämpfen kön­nen.

Frauenorganisierung als Teil einer revolutionären Partei

Wir denken aber keineswegs, dass es aus­re­icht, uns als Frauen zu organ­isieren. Das wäre Sep­a­ratismus, den wir für Frauen eben­so ablehnen wie für von Ras­sis­mus oder nationaler Unter­drück­ung Betrof­fene. Denn die objek­tiv­en Inter­essen des Pro­le­tari­ats als Ganzes, sein­er unter­drück­ten Teile und der unter­drück­ten Massen außer­halb des Pro­le­tari­ats sind diesel­ben. Wir treten für eine zen­tral­is­tis­che Organ­isierung ein, welche die Selb­stor­gan­isierung Unter­drück­ter anerken­nt und fördert, aber als Gesam­tor­gan­i­sa­tion – auf dem höch­sten Niveau rev­o­lu­tionären Bewusst­seins schließlich in Parteiform – gemein­sam plant und zuschlägt. Alles andere ist eine Schwächung unser­er Bewe­gung. Im gle­ichen Sinne kön­nen wir so denke ich auch bewusst auf die von dir aufge­wor­fe­nen Spal­tun­gen inner­halb der Kat­e­gorie Frau — oder anderen Kat­e­gorien — antworten.

Wir disku­tieren deshalb nicht nur unter Frauen über Sex­is­mus, son­dern in unser­er Organ­i­sa­tion gemein­sam mit allen. Wir machen alle unsere Inter­ven­tio­nen gemein­sam. Wir wollen Grup­pierun­gen von sozial­is­tis­chen Frauen auf­bauen, als Teil ein­er rev­o­lu­tionären Organ­i­sa­tion von allen Geschlechtern. Vielle­icht sagen wir das nicht oft genug!

Drei Bemerkun­gen noch zu Punk­ten, bei denen ich dir – falls ich dich richtig ver­standen habe – voll zus­timme und die nicht oft genug gesagt wer­den kön­nen oder die ich gerne ergänzen möchte:

  1. Ich denke auch nicht, dass jede rev­o­lu­tionäre Frau die Frauen­frage zu ihrem The­ma machen muss. Ich per­sön­lich finde es aber falsch, es als unfair darzustellen, wenn eine Frau das tun will – zumal ja lei­der vor allem die Unter­drück­ung selb­st es ist, die unfair ist. Die Frauen­frage ist nicht eine unwichtige Neben­frage, mit der sich Frauen beschäfti­gen, während die Män­ner „echte“ Poli­tik und The­o­rie machen. Die Hälfte der Men­schheit von Unter­drück­ung zu befreien – und zwar mit­tels der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion – ist keine Kleinigkeit. So zu tun, als ob sie das wäre, weil es um Frauen geht, das wäre sex­is­tisch.
  2. Ich denke auch, dass es wichtig ist, aufzuzeigen, dass nicht alle Män­ner gle­icher­maßen von Sex­is­mus prof­i­tieren, son­dern dass das vor alle weiße Män­ner des Bürg­er­tums tun. Und wir soll­ten nicht schönre­den, wie das Patri­ar­chat das Bewusst­sein von Män­nern ver­stüm­melt, ihnen begren­zte Möglichkeit­en bietet, weil sie einem Bild von Männlichkeit entsprechen müssen. Eben­so stimmt es, dass Frauen teils Sex­is­mus repro­duzieren und ver­suchen, auf Basis der sex­is­tis­chen Struk­turen der Gesellschaft einen Vorteil im Ver­gle­ich zu anderen Unter­drück­ten zu erhal­ten. Dazu fordert das Patri­ar­chat sie auch auf. Das bedeutet trotz­dem nicht, dass es keine struk­turelle Diskri­m­inierung von Frauen gäbe, die Män­ner als Gruppe von gewis­sen Auf­gaben befre­it. Es ist also nicht das gle­iche, als Frau gegen das Patri­ar­chat zu kämpfen oder als Mann. Genau so wie es nicht das gle­iche ist, als weiße Per­son gegen ras­sis­tis­che Diskri­m­inierung zu kämpfen, wie als nicht-weiße, auch wenn weiße Arbeiter*innen objek­tiv durch die ras­sis­tis­che Spal­tung ihrer Klasse Schaden durch Ras­sis­mus erlei­den.
  3. Natür­lich dür­fen sich auch Män­ner zur Frage der Fraue­nun­ter­drück­ung äußern, ja kom­mu­nis­tis­che Män­ner soll­ten das sog­ar tun (und sie müssen sich dafür auch keineswegs entschuldigen!). Sie dür­fen lei­den­schaftlich darüber disku­tieren, wie die Frauen­be­freiung erre­icht wer­den kann. Sie dür­fen dabei auch ihre Genossin­nen und andere Frauen und ihre Vorstel­lun­gen kri­tisieren. Deshalb schreiben hier auf KlassegegenKlasse.org auch immer wieder Män­ner zu diesen Fra­gen Artikel. Gle­ichzeit­ig denke ich, dass es wichtig ist, dass Frauen auch in der ersten Rei­he unser­er Poli­tik ste­hen – beson­ders in Bezug auf die Frauen­frage, weil Frauen hier eben durch ihre eige­nen Erfahrun­gen einen direk­teren Zugang haben. Aber natür­lich nicht nur hier! Wir brauchen weib­liche Anführerin­nen, die sich zu allen The­men äußern kön­nen.

One thought on “Antwort an eine Leserin: Warum brauchen wir eine Frauenbewegung?

  1. nora sagt:

    Liebe Lily,

    vie­len Dank für deine Aus­führliche Antwort. Ich gehe mit den meis­ten Punk­ten mit und bin froh über einen der­ar­ti­gen Überblick­sar­tikel. Gle­ichzeit­ig sehe ich einige Missver­ständ­nisse zu den Analy­sen mein­er­seits, die durch den Artikel deut­lich wer­den:

    1. Moralis­che Kri­tik an (kom­mu­nis­tis­chen) Män­ner

    Ich plädiere nicht für eine moralis­che Kri­tik von “den Sex­is­ten”. Es geht mir viel mehr um die Frage warum so wenig kom­mu­nis­tis­che Män­ner* die Frage von patri­ar­chaler Unter­drück­ung als eigenes Unter­fan­gen ange­hen. Und ich denke, dass dies mit dem The­ma “pro­le­tarische Frauen­be­we­gung” STATT gemeis­name antipa­tri­ar­chale Kämpfe zusam­men­hängt. Frauen* aus ihren Organ­i­sa­tio­nen wer­den ständig vorgeschoben, oder es wird den weib­lichen Exper­tin­nen nachge­plap­pert. Eigene Analysen/ Diskus­sio­nen von Män­nern* oder unter Män­nern* zum The­ma anti-patri­ar­chaler Kämpfe gibt es kaum. Das ist meine Kri­tik, denn ohne diese, wie du schreib­st auch gerne lei­den­schaftlichen Diskus­sio­nen, kom­men wir, die zu Frauen gemacht wer­den auch nicht weit­er! Denn: Befreiung geht nur gemein­sam!

    Ich stelle mir also eine pro­le­tarische Bewe­gung vor, in der die Frage von sex­is­tis­ch­er Unter­drück­ung und patri­ar­chaler Gewalt von ALLEN bekämpft wird; mit unter­schiedlichen Mit­teln; in unter­schiedlichen Räu­men: Und ich stimme dir/ euch zu, dass dies aus unter­schiedlichen sozialen Posi­tio­nen her­aus anders ausse­hen kann. Und hier ist mir das ‘kann’ beson­ders wichtig. Denn: Aus eini­gen eur­er Artikel kam eure Posi­tion mir sehr starr vor — Frauen gehören in die pro­le­tarische Frauen­be­we­gung usw. Ich lese aus deinem Artikel jet­zt, dass ihr dies nicht grund­sät­zlich fordert. Denn das kam mir beson­ders sex­is­tisch und ver­al­tert vor.

    Mir geht es darum, dass wir sel­ber entschei­den wo wir unseren Kampf­schw­er­punkt set­zen bzw. diese Entschei­dung tak­tisch von der Organ­i­sa­tion gemacht wird. Und ob wir in bes­timmten Momenten die Zuschrei­bung ‘Frau’ oder die Zuschrei­bung ‘Aus­län­derin’ z.B. unter­stre­ichen weil es tak­tisch in bes­timmten Räu­men Sinn macht. Das sehe ich genau­so.

    2. Haupt- und Neben­wider­spruch

    Die ANG hat in dem vom mir ver­link­tem Artikel (Beitrag bei ein­er Podi­ums­diskus­sion auf dem Rev­o­lu­tion-Camp 2015) die Begrif­flichkeit ‘Haupt-’ und ‘Neben­wider­spruch’ benutzt. Dies wurde jedoch expliz­it nicht in maois­tis­ch­er Tra­di­tion ver­standen. In dem Beitrag wird expliz­it gesagt, dass es nicht darum geht “bis nach der Rev­o­lu­tion” zu warten son­dern, dass nur eine Rev­o­lu­tion stat­tfind­en kann, wenn wir diese Wider­sprüche gemein­sam ange­hen — wie soll es son­st zu einem vere­in­tem Pro­le­tari­at kom­men? Der Begriff ste­ht jedoch in ein­er maois­tis­chen Tra­di­tion die oft genug so ver­standen wird wie du es nochmals in deinem Artikel beschreib­st. Daher würde ich auch sowas wie “Grund­wider­spruch” und “andere Wider­sprüche” sagen. Dies tue ich weil in meinem Ver­ständ­nis die Inter­sek­tion­al­ität­s­the­o­rie, die besagt das alle Unter­drück­ungsver­hält­nisse gle­icher­maßen wirkkräftig sind und ineinan­der­greifend als Sys­teme existieren, wenig Auf­schluss über die ökonomis­che Grund­lage kap­i­tal­is­tis­ch­er Gesellschaften gibt. Ergo: Der grudle­gende Wider­spruch bleibt der zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit — also Aus­beu­tung. Sex­is­men, Ras­sis­men etc. gehen jedoch Hand in Hand und schaf­fen es im Sinne des Kap­i­tals nicht nur unsere Klasse zu spal­ten son­dern auch unter­schiedlich­ste Grup­pen von Proletarier*innen zu schaf­fen, die so ‘legit­im’ (durch Ide­olo­gie) z.B. schlechter oder gar nicht bezahlt wer­den für ihre Arbeit (Stich­wort Repro­duk­tion­sar­beit). Mir ist es jedoch wichtig auf die Zen­tral­ität des Wider­spruchs von Kap­i­tal und Arbeit hinzuweisen und somit fem­i­nis­tis­ch­er oder anti­ras­sis­tis­ch­er Poli­tik (ohne klassenkämpferischen Antikap­i­tal­is­mus) deut­lich eine Abfuhr zu erteilen, da diese schlussendlich nichts weit­er als bürg­er­lichen Reformis­mus bein­hal­ten und sich besten­falls über weib­liche Auf­sicht­sräte oder einen schwarzen Präsi­den­ten freuen; bei­des KEINE Errgun­gen­schaften für weib­liche und/oder nicht-weiße Proletarier*innen, da ihre Unter­drück­ung und Aus­beu­tung bei nicht­en auch nur ange­grif­f­en wird. Nur kön­nen sie jet­zt von “ihres gle­ichen” aus­ge­beutet und beherrscht wer­den. Und dabei gilt es zu unter­stre­ichen, dass weib­liche Kapitalist*innen und/oder nicht-weiße Kapitalist*innen (und deren Hand­lager in Poli­tik und der Polizei z.B.) nun­mal nicht “Teil von uns” sind. Dass dieses UNS nur das UNS aller Aus­ge­beuteten sein kann.

    3. Organ­isierung als Frauen = Tak­tik

    Auch hier habe ich nichts dage­gen. Im Gegen­teil. Und das habe ich in meinen Kom­mentaren auch immer betont.

    Du schreib­st, dass wir als Frauen ggf. andere (noch nicht rev­o­lu­tionäre) Frauen bess­er adressieren kön­nen. Das kann sein. Oder auch nicht. Oft spielt z.B. Alter oder Milieu/ Habi­tus eine wichtigere Rolle als die gemein­same Erfahrung als ‘Frau’ in der Gesellschaft zu leben. Denn diese Erfahrung ist so extrem unter­schieldich!

    Ich kann z.B. oft wenig mit Frauen jeglichen Alters die vom Land kom­men anfan­gen. Wir haben eine so unter­schiedliche Lebenser­fahrung, dass es mir oft schw­er fällt Anknüp­fungspunk­te zu find­en. Mit jun­gen Män­nern aus Metropolen, vor allem solchen die auch in Bren­npunk­tkiezen groß gewor­den sind, schon viel mehr z.B.

    Unter Kommunist*innen sind Men­schen aus der Mit­telschicht beson­ders promi­nent vertreten. Das sind die Men­schen die halt auch die meiste Zeit haben sich mit diesen The­men zu beschäfti­gen, die keine krassen finanziellen Hus­sels haben etc. Ich erlebe oft, dass pro­le­tarische und sub-pro­le­tarische Frauen GAR NICHTS mit dem Gelaber von Uni-Tan­ten anfan­gen kön­nen. Egal ob Marxist*innen oder bürg­er­lichen Feminist*innen. Aber ver­ste­hen wenn sie sich mit Män­nern ihrer Com­mu­ni­ty zu finanziellen Prob­le­men aus­tauschen, denn: die haben sie bei­de.

    Was will ich mit diesen Beispie­len sagen?

    Ich denke, dass es tak­tisch sin­nvoll ist in bes­timmten Bere­ichen Teile des Pro­le­tari­ats in ein­er bes­timmten sozialen Iden­tität anzus­prechen: als Frauen, als ille­gal­isierte Arbeiter*innen, als Migrant*innen etc. Etwas anderes habe ich auch nie behauptet. Meine Kri­tik an dem was ich zuvor bei euch gele­sen hat­te war, dass ihr in der Frage der Bekämp­fung und Über­win­dung von sex­is­tis­ch­er Unter­drück­ung kom­plett auf eine “pro­le­tarische Frauen­be­we­gung” geset­zt habt, wobei 1. nicht deut­lich wurde was dann die rev­o­lu­tionären Män­ner* machen (und mir immer­noch nicht klar wird) sowie 2. die Möglichkeit Men­schen die auch Frauen sind ggf. unter anderen Prämis­sen anzus­prechen (siehe oben).

    Was heißt dies alles nun?

    Ich denke wir sind uns im Kern der Analyse von Aus­beu­tung und Unter­drück­ung einig.
    Auch sind wir uns einig, dass Män­ner* und Frauen* ANDERE Leben­sre­al­itäten in patri­ar­chal-kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaften erfahren und somit Kämpfe gegen patri­ar­chale Scheiße anders ausse­hen KÖNNEN, nicht MÜSSEN. Ich ziehe aus dem ganzen immer­noch keine NOTWENDIGKEIT ein­er pro­le­tarischen Frauen*bewegung son­dern die Notwendigkeit ein­er rev­o­lu­tionören Organ­isierung gegen alle For­men von Unter­drück­ung; aus allen sozialen Posi­tio­nen her­aus. Diese kann tak­tisch dann migratis­che Proletarier*inenn ansprechen wenn dies für uns als Organ­i­sa­tion Sinn macht, oder ggf. auch Frauen. Mir ist es nur wichtig, dass wir uns ALLE als Revolutionär*innen mit Fra­gen nach Forderun­gen oder auch nach Tak­tik auseinan­der­set­zen. Kein Abschieben der ‘Frauen­frage’ an die weib­lichen* Genoss*innen, kein Abschieben der Frage von Ras­sis­mus auf die nicht-weißen Men­schen aus der Gruppe etc. Denn das ist aktuell gängige kom­mu­nis­tis­che Prax­is, was ich als nicht-weiße weib­liche Kom­mu­nistin die in ein­er expliz­it migrantis­chen rev­o­lu­tionären Gruppe organ­isiert ist, zu oft außer­halb mein­er Organ­i­sa­tion erlebe (ständig als Fem­i­nis­mus- und/ oder Ras­sis­mu­s­ex­per­tin ange­sprochen zu wer­den, nie als eine Per­son die vielle­icht auch zu PolÖk, Philoso­phie oder Sicher­heits­fra­gen was zu sagen haben kön­nte).

    Nach so viel Geschreib­sel stellt sich mir die berühmte Frage: Was tun?

    1. Nur durch innere Einigkeit in unser­er Pro­gram­matik kom­men wir als rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tio­nen weit­er.
    2. Konkrete Analyse der konkreten Sit­u­a­tion. Kein Über­stülpen vorge­fer­tigter Muster auf unsere Leben­re­al­ität.
    3. Rev­o­lu­tionäre Organ­isierung an den Lebens- und Kamp­forten von Proletarier*innen. Kiezarbeit!
    4. Keine reine Betrieb­sar­beit — Aufzeigen der Lim­i­tierung von gew­erkschaftl­ci­her Organ­isierung!
    5. Keine Konzen­trierung auf reine Uniarbeit/ Ansprechen von Gymnasiat*innen/ Mit­telschichts Kids.
    5. Auf­bau von rev­o­lu­tionären Arbeiter*innengruppen, dort wo am meis­ten Kampf­poten­zial beste­ht.

    Und all das aus ein­er anti­sex­is­tis­chen, anti­ras­sis­tis­chen — kurz ein­er rev­o­lu­tionären Per­spek­tive die gegen alle For­men von Unter­drück­ung gle­ich­berechtigt kämpft, ohne starr oder sta­tisch zu wer­den.

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