Algorithmen für Alle: Künstliche Intelligenz im Sozialismus

25.08.2025, Lesezeit 25 Min.
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Künstliche Intelligenz wächst aus kollektiver menschlicher Kreativität und doch bestimmen wenige Tech-Giganten ihr Tempo, ihre Richtung und unsere Zukunft. Die entscheidende Frage lautet: Wird KI unsere Emanzipation beflügeln?

Ab Dienstag, dem 1. Oktober 2024, erscheint La Izquierda Diario, das Online-Medium unserer Schwesterorganisation, der argentinischen sozialistischen Partei PTS, in neuer Form. Ziel ist es, Debatten noch entschlossener anzustoßen und klare Positionen zu vertreten. Neben Projekten wie LID+, ihrer großen Initiative auf YouTube, haben sie einen Bot namens chatPTS entwickelt. Dieser nutzt die eigenen Informationsquellen, um sozialistische Ideen zu verbreiten.

Der Bot dient zwei Zwecken: Er erleichtert den Mitarbeitenden der Redaktion den Zugriff auf Meinungen und Quellen zu bestimmten Themen. Gleichzeitig können Leserinnen und Leser auf einfache und interaktive Weise mit den Inhalten arbeiten – um die politischen Positionen besser zu verstehen, Informationen leichter zugänglich zu machen und Empfehlungen für interessante Artikel zu erhalten.

Welche Rolle kann Technologie heute bei der Verbreitung sozialistischer Ideen spielen?

Technologie und ihr Zweck

Für Sozialisten ist Technologie ein Werkzeug mit großem Veränderungspotenzial. Im Kapitalismus wird sie vor allem für private Interessen eingesetzt, um Profite zu steigern, oft auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter und zur Konzentration wirtschaftlicher Macht. Gleichzeitig hat technischer Fortschritt das Leben vieler Menschen verbessert. Unter anderen Produktionsverhältnissen, zum Beispiel in einem sozialistischen System, könnte Technologie viele heutige Schwierigkeiten überwinden, bessere Lebensbedingungen schaffen und allen mehr Freizeit ermöglichen.

Die Geschichte zeigt, dass technischer Fortschritt die Produktionsformen verändern und damit ganze Gesellschaften umgestalten kann. Wenn Produktionsformen den bestehenden Verhältnissen widersprechen, können diese Widersprüche Revolutionen auslösen, wie die bürgerliche oder die Arbeiter:innenrevolution.

Karl Marx betrachtete die industrielle Maschinerie im Kapitalismus als doppeldeutig: Einerseits bedeutete sie einen enormen Fortschritt in der menschlichen Produktivität, andererseits wurde sie genutzt, um die Arbeiter:innenklasse zu unterdrücken und härtere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Im Kapitalismus kommen technologische Fortschritte meist nicht denjenigen zugute, die den Reichtum erzeugen: den Arbeitenden. Statt Arbeitszeit zu verkürzen und die Lebensqualität zu verbessern, dienen Maschinen und Algorithmen häufig dazu, die Arbeit zu intensivieren, Überwachung zu ermöglichen und die Ausbeutung zu steigern. Automatisierung kann Arbeitsplätze bedrohen, Algorithmen kontrollieren Arbeitsprozesse. Die Technologie befreit also nicht, sondern verstärkt oft die Unterordnung der Arbeiter:innen.

Sozialist:innen lehnen technischen Fortschritt nicht ab. Im Gegenteil: Wir sehen sein Potenzial, Gesellschaft emanzipatorisch zu verändern. In einem sozialistischen System könnte Technologie dem Gemeinwohl dienen, statt privaten Profit zu maximieren. Das setzt eine grundlegende Änderung der Produktionsorganisation und Kontrolle über die Technik voraus. In einer demokratischen, sozialistischen Gesellschaft würde Technologie dazu genutzt, Arbeitszeit zu verkürzen, Lebensqualität zu steigern und Menschen von repetitiver und entfremdender Arbeit zu befreien.

Ein Großteil der heutigen Technologie wurde durch die Regeln des Kapitalismus geprägt. Selbst wenn sie unter einem anderen Gesellschaftssystem anders eingesetzt werden könnte, trägt sie immer noch die Vorurteile und Zwecke des bestehenden Systems in sich, nämlich die Maximierung von Profiten und die Steigerung der Ausbeutung von Arbeitskraft. Die Herausforderung für den Sozialismus wird nicht nur darin bestehen, diese Technologie für einen anderen Zweck zu nutzen, sondern sich die wertvollsten Dinge, die bisher entwickelt wurden, anzueignen und neue Technologien zu überdenken, die heute ungenutzt bleiben, aber großen Nutzen bringen könnten.

Ist es zum Beispiel sinnvoll, die ganze Kreativität und Arbeit, die heute in Werbung oder ähnliche profitgetriebene Bereiche fließt, weiter auf diese Weise einzusetzen, während viele Menschen in prekären und riskanten Arbeitsverhältnissen arbeiten? Wäre es nicht viel sinnvoller, diese Ressourcen für die Entwicklung von Technologien einzusetzen, die der Gesellschaft wirklich zugutekommen?

Wie Facundo Nahuel Martín in seinem Buch “Ilustración sensible” darlegt:

Die Technologie ist durchdrungen von den Machtverhältnissen und der sozialen Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft. Technologische Fortschritte werden nach Kriterien entwickelt, die darauf abzielen, die Effizienz und Rentabilität für das Kapital zu maximieren, anstatt auf soziale oder ökologische Bedürfnisse zu reagieren. Big Data und seine Verwendung in der Cyber-Polizei zeigen zum Beispiel, wie Technologie für soziale Kontrolle und Herrschaft eingesetzt werden kann. Die Kritik an der Technologie sollte nicht technophob oder technophil sein, sondern technologische Formen als konstitutiven Teil der kapitalistischen sozialen Beziehungen betrachten. Dies impliziert eine immanente Kritik, die die Widersprüche und Zweideutigkeiten der modernen Technologie anerkennt und versucht, sie für emanzipatorische Zwecke zu refunktionalisieren.

Darüber hinaus ist eine demokratische Kontrolle der Technologie entscheidend, um den Missbrauch zu verhindern, den wir heute im Kapitalismus erleben. Probleme wie Massenüberwachung, die Nutzung von Daten zur Manipulation menschlichen Verhaltens oder die zunehmende Machtkonzentration bei Tech-Giganten lassen sich nur durch gesellschaftliche Kontrolle der Technologie lösen. In einem sozialistischen System könnte Technologie dazu genutzt werden, Menschen zu befähigen, anstatt sie zu kontrollieren.

Letztlich wollen Sozialisten eine demokratische Nutzung der Technologie, bei der ihre Entwicklung auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Anstatt zuzulassen, dass technologische Fortschritte nur dazu dienen, den Reichtum einiger weniger zu mehren, schlagen Sozialisten vor, dass die Technologie in den Dienst der menschlichen Emanzipation gestellt wird. Das erfordert nicht nur eine Änderung der Produktionsverhältnisse, sondern auch ein neues Verständnis dafür, wie wir Technik entwickeln und einsetzen. Technologie ist kein Feind – im Gegenteil: Befreit von den Fesseln des Kapitals wird sie ein unverzichtbares Werkzeug für den Aufbau einer neuen Gesellschaft sein.

Der Taylorismus als Beispiel für den technologischen Zweck

Im Verlauf der kapitalistischen Geschichte ging die Entwicklung der Großindustrie oft mit der Einführung sich wiederholender und entfremdender Aufgaben für die Arbeiter:innen einher. Schon Marx analysierte, wie Maschinerie und Arbeitsteilung die Fähigkeiten der Beschäftigten fragmentierten und sie auf einfache, monotone Tätigkeiten reduzierten.

Ein anschauliches Beispiel für den Unterschied zwischen Technik an sich und ihrem Zweck ist der Taylorismus, ein System der Arbeitsorganisation, das Aufgaben durch technische Teilung optimiert. Während der Taylorismus die Effizienz der Großindustrie steigerte, brachte er zugleich repetitive und entmenschlichende Tätigkeiten für die Arbeiter mit sich. Lenin betonte, dass Beschäftigte in solchen Systemen auf „Rädchen in einer Maschine“ reduziert wurden und entfremdete Aufgaben ausführten. Die Profite der Fabrikbesitzer wuchsen, während die Ausbeutung der Arbeiter verstärkt wurde, ihre Erfahrung fragmentiert blieb und sie sich in den von ihnen hergestellten Produkten nicht mehr wiedererkennen konnten.

Lenin kritisierte, dass diese Methoden im Kapitalismus ausschließlich der herrschenden Klasse dienten. Gleichzeitig sah er im Sozialismus keine Notwendigkeit, die im Kapitalismus entstandenen technologischen und organisatorischen Fortschritte grundsätzlich abzulehnen. Vielmehr sollten sie übernommen, umgewandelt und so genutzt werden, dass sie den Interessen der Arbeiter:innen dienen. Neue Innovationen könnten gezielt entwickelt werden, um die Beschäftigten zu stärken. Besonders in der Übergangsphase des Sozialismus sei es entscheidend, technische Fortschritte zu verstehen, sie zu reorganisieren und in die sozialistische Planung einzubinden – immer mit dem Ziel, die Arbeiter:innen zu befähigen und entfremdende oder despotische Aspekte zu vermeiden.

Ein zentrales Element für Lenin war die Kontrolle durch die Arbeitenden. Im Kapitalismus dienen viele technische und organisatorische Praktiken der Ausbeutung, gerade weil die Beschäftigten keinen Einfluss auf den Produktionsprozess haben. Mit echter Arbeiterkontrolle und demokratischer Planung könnten Entfremdung und Ausbeutung, die im Kapitalismus bestehen, überwunden werden.

Das Taylor-System, als letzte Entwicklung des Kapitalismus auf diesem Gebiet, zeigt exemplarisch die doppelte Natur technischer Fortschritte: Einerseits vereint es die raffinierte Grausamkeit bürgerlicher Ausbeutung, andererseits beinhaltet es wissenschaftliche Errungenschaften von höchstem Wert – etwa die Untersuchung mechanischer Bewegungen, die Unterdrückung überflüssiger Arbeitsschritte, die Einführung rationeller Arbeitsmethoden sowie optimierter Buchführungs- und Kontrollsysteme.

Lenin betonte, dass die Sowjetrepublik sich diese wertvollsten Errungenschaften der Technik und Wissenschaft aneignen müsse. Der Erfolg des Sozialismus werde entscheidend davon abhängen, inwieweit es gelingt, die sowjetische Macht und Verwaltungsform mit den modernsten Fortschritten des Kapitalismus zu verbinden.

Die Technik, die Frucht der gesellschaftlichen Zusammenarbeit

In den Grundrissen spricht Marx vom „General Intellect“, dem verallgemeinerten gesellschaftlichen Wissen. Gemeint ist das wissenschaftliche, technische und technologische Wissen, das von der Gesellschaft hervorgebracht und akkumuliert wird und im Kapitalismus zu einer zentralen Produktivkraft wird. Es umfasst nicht nur einzelne Fertigkeiten, sondern die gesamte intellektuelle und wissenschaftliche Entwicklung, die in Maschinen und Produktionssystemen verankert ist und die Produktionsverhältnisse grundlegend verändert.

Marx betonte, dass dieses Wissen mit dem Fortschreiten des Kapitalismus und dem Aufstieg der Großindustrie in produktive menschliche „Organe“ verwandelt wird. Es materialisiert sich in Maschinen, Produktionssystemen und modernen Technologien, die die Art und Weise der Produktion radikal umwälzen. Zu seiner Zeit zeigte sich dies in Erfindungen wie der Eisenbahn und dem Telegraphen. Heute begegnet uns dieses Phänomen in Technologien wie Mikrochips, Satelliten, Internet-Netzwerken, Genetik, Robotik und künstlicher Intelligenz, deren tiefgreifende Auswirkungen auf die gesamte gesellschaftliche Produktion erst in Umrissen sichtbar werden.

So wird das gesellschaftlich akkumulierte Wissen selbst zu einer zentralen Produktivkraft, die nicht nur die Produktionsweise, sondern die Bedingungen des sozialen Lebensprozesses insgesamt transformiert.

Im Kapitalismus ist der „General Intellect“ in Technologien verankert, die nicht nur die wirtschaftliche Produktion, sondern auch das soziale Leben bestimmen. Damit geht eine zunehmende Unterordnung dieses kollektiven Wissens unter das Kapital einher. Diese Zusammenarbeit ist nicht auf die physische Arbeit beschränkt, sondern umfasst ebenso die intellektuelle und kognitive Tätigkeit, die durch Technologien vermittelt wird, die selbst aus diesem gesellschaftlichen Wissen hervorgegangen sind.

Darin liegt ein grundlegender Widerspruch. Einerseits verkörpert sich der „General Intellect“ als fixes Kapital in Form von Maschinen und Technologien. Andererseits misst der Kapitalismus Reichtum weiterhin am ausgebeuteten variablen Kapital, also an der direkten menschlichen Arbeit. Das Kapital eignet sich die kollektive Zusammenarbeit und das Wissen der Arbeiterklasse an, um privaten Profit zu erzielen. Doch gerade die Arbeiterklasse besitzt die Fähigkeit, diese Situation umzukehren und die gesellschaftlich geschaffenen Ressourcen – oder neue, die sie selbst hervorbringt – in den Dienst einer sozialistischen Gesellschaft zu stellen.

Das Beispiel der sozialen Zusammenarbeit durchzieht unser gesamtes Leben. Ohne Smartphones, gestützt auf GPS und Telekommunikationsnetze, wäre ein Unternehmen wie Uber undenkbar. Diese Netze beruhen auf Satelliten und Unterseekabeln, die durch Luft- und Raumfahrttechnik und moderne Datenübertragung entwickelt wurden. Diese Technik wiederum fußt auf den Naturwissenschaften, deren Grundlagen auf Errungenschaften wie Sprache und Schrift aufbauen – Werkzeuge, die Wissen bewahrten und weitergaben. Am Ursprung dieser Entwicklung steht die Beherrschung des Feuers, die es den frühen Menschen ermöglichte, Nahrung zu kochen, Werkzeuge herzustellen und komplexere Formen des Zusammenlebens zu schaffen.

Während Unternehmen oft als Innovatoren und in manchen Fällen sogar als soziale Wohltäter präsentiert werden, sind Apps wie Uber sowie viele andere technologische Entwicklungen das Ergebnis einer langen Kette von Innovationen und Entdeckungen im Laufe der Menschheitsgeschichte. Sie beruhen auf der Arbeit von Tausenden von arbeitenden Menschen, die die verschiedenen notwendigen Komponenten herstellen, und in vielen Fällen auf staatlicher Unterstützung.

Doch wohin steuern wir und wer bestimmt die Richtung? Gibt es jemanden, der den „roten Knopf“ in der Hand hält?

Die schwindelerregende Entwicklung der künstlichen Intelligenz zwingt uns zu der Frage: Wohin bewegen wir uns, und, was noch wichtiger ist, wer sitzt am Steuer dieser „technologischen Revolution“? Die Metapher des „roten Knopfes“ – jenes hypothetischen Schalters, der den Vormarsch der KI stoppen kann, sollte sie gefährlich werden – lädt uns ein, über die Kontrolle und die Auswirkungen dieser transformativen Technologie nachzudenken.

Heute erleben wir eine nie dagewesene Konzentration technologischer Macht. Wie Cancela in seinem jüngsten Buch beschreibt, stammen achtzig Prozent der Investitionen in die Erneuerung von Unterseekabeln in den letzten Jahren von nur zwei US-amerikanischen Tech-Giganten, Google und Facebook. Rechenzentren sind zu zentralen Instrumenten geworden, um die Finanzialisierung der Welt auszubauen und zu vertiefen. Diese Konzentration sichert nicht nur ihre wirtschaftliche Dominanz, sondern verschafft ihnen auch eine führende Rolle bei der Gestaltung der technologischen Zukunft.

Die entscheidende Frage lautet: Sollten wir zulassen, dass eine Handvoll privater Unternehmen so viel Kontrolle über Technologien ausübt, die das Potenzial haben, die Gesellschaft grundlegend neu zu definieren?

KI-Modelle wie GPT und andere basieren auf riesigen Datenmengen, die jedoch keineswegs neutral sind. Sie spiegeln die historischen und kulturellen Vorurteile der Gesellschaft wider, aus der sie hervorgegangen sind. Es gibt zahlreiche besorgniserregende Beispiele, wie sich diese Vorurteile in problematischen Darstellungen von Minderheiten oder in der Art und Weise, wie Themen wie Sozialismus behandelt werden, manifestieren. Künstliche Intelligenz ist daher weit davon entfernt, ein unparteiischer Schiedsrichter zu sein, und kann bestehende Vorurteile sogar verstärken, wenn sie nicht kritisch hinterfragt wird. Jüngste Forschungen zeigen zudem, dass KI in einer Weise interpretiert werden kann, die direkte Manipulation ermöglicht.

Aus marxistischer Sicht ist es von entscheidender Bedeutung zu erkennen, dass KI, wie jede Technologie, das Ergebnis sozialer Zusammenarbeit und des „General Intellect“ ist – jenes kollektiven Wissens, das über Generationen hinweg angesammelt wurde. Im Kapitalismus werden die Vorteile und die Kontrolle über diese Technologie jedoch von privaten Interessen angeeignet. Dieser Widerspruch zwischen der sozialen Produktion von Wissen und seiner privaten Aneignung ist ein Spiegelbild der allgemeinen Spannungen des kapitalistischen Systems.

Die aktuelle Entwicklung der KI stellt die Arbeitswelt vor große Herausforderungen. Einerseits bietet sie die Chance, Arbeiter:innen von sich wiederholenden und entfremdenden Aufgaben zu befreien. Andererseits wird sie im Rahmen der kapitalistischen Logik häufig genutzt, um Ausbeutung zu verschärfen, Arbeitsplätze zu ersetzen und die Überwachung von Beschäftigten zu intensivieren. In diesem Artikel werden wir nicht im Detail auf die technischen Möglichkeiten der neuen Technologiewelle eingehen, doch die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob KI die Arbeit verändern wird, sondern wie sie verändert wird und zu wessen Vorteil.

Angesichts dieser Herausforderungen ist eine demokratische Kontrolle über die Entwicklung und Anwendung von KI dringend erforderlich. Wir können nicht zulassen, dass Entscheidungen, die unser Leben und unsere Gesellschaft tiefgreifend beeinflussen werden, in den Händen einer kleinen Gruppe von Unternehmensführern oder Technokraten bleiben. Wir brauchen eine breitere Beteiligung an der Entscheidungsfindung, einschließlich der Arbeitenden, der betroffenen Gemeinschaften und der Experten aus einer Reihe von Disziplinen.

Vor einigen Monaten forderten einige Technologieexperten eine Verlangsamung des technologischen Fortschritts und eine Debatte über seine Richtung. Da die führenden Unternehmen jedoch privatwirtschaftlich agieren, treiben sie den Fortschritt entschlossen voran, während diejenigen, die zurückbleiben, eine Verzögerung fordern, um im Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren.

In einer wirklich demokratischen Gesellschaft läge dieser „Knopf“ nicht in den Händen einiger weniger, sondern wäre eine kollektive Verantwortung. Die Gesellschaft könnte demokratisch darüber entscheiden, wie KI entwickelt und genutzt wird, notwendige Grenzen setzen und ihre Entwicklung auf sozial nützliche Ziele ausrichten.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee, wie sie etwa Mustafa Suleyman, derzeitiger CEO von Microsoft AI, in seinem jüngst erschienenen Buch äußert, die KI einzudämmen oder „wenn nötig abzuschalten“, angesichts eines globalen Rennens um wirtschaftliche und geopolitische Dominanz kaum realistisch.

Es gibt zahlreiche Debatten darüber, ob KI wirklich Intelligenz besitzt, kreativ sein kann oder gar rebellieren könnte, sowie über verschiedene ethische Fragestellungen. Auch die Frage, ob wir kurz davorstehen, eine künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) zu entwickeln – also eine KI, die jede menschliche kognitive Aufgabe lösen kann – wird kontrovers diskutiert.

Es ist nicht das Ziel dieses Artikels, diese Kontroversen im Detail zu behandeln. Vielmehr soll deutlich werden, dass die Debatte um KI nicht nur technologischer, sondern auch zutiefst politischer und philosophischer Natur ist. Sie zwingt uns, darüber nachzudenken, welche Art von Gesellschaft wir aufbauen wollen und wie Technologie dabei eingesetzt werden kann.

Wenn wir wollen, dass KI eine Kraft für menschliche Emanzipation wird und nicht nur ein weiteres Instrument der Ausbeutung und Kontrolle, müssen wir für ein Modell der technologischen Entwicklung kämpfen, das demokratisch diskutiert wird und sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert.

Regulieren oder enteignen?

Reicht es aus, Tech-Giganten zu regulieren, oder ist es längst an der Zeit, die Enteignung technologischer Infrastrukturen in Betracht zu ziehen? Der Kauf von Twitter (heute X) durch Elon Musk ist ein paradigmatisches Beispiel für die Risiken, die entstehen, wenn enorme technologische Macht in den Händen einzelner Personen mit bestimmten politischen Zielen konzentriert ist.

Musk, ein Milliardär mit rechtsextremer politischer Gesinnung, hat nicht nur eine Massenkommunikationsplattform erworben, sondern investiert mit Projekten wie Grok, das in der Lage ist, in Echtzeit auf verschiedene Nutzeranfragen zu reagieren, auch massiv in die Entwicklung seiner eigenen KI. Diese Konzentration medialer und technologischer Macht in den Händen einer Person, die offen politische Figuren wie Trump oder Milei unterstützt, gibt Anlass zu ernster Sorge über die Zukunft der Meinungsfreiheit und des Informationsflusses in unseren Gesellschaften.

Musks Umgang mit Twitter verdeutlicht die Widersprüche seiner angeblichen Verteidigung der Redefreiheit. Einerseits werden legitime Slogans wie die des palästinensischen Volkes zensiert, andererseits ignoriert er Forderungen von Regierungen wie Brasilien, Accounts zu sperren, die faschistische Ideologien verbreiten. Diese Doppelzüngigkeit zeigt, dass „freie Meinungsäußerung“ in den Händen von Protofaschisten oft zum Deckmantel wird, um bestimmte politische Ziele durchzusetzen. Letztlich liegt das Problem darin, dass Redefreiheit heute gegen bestimmte Gruppen eingesetzt wird und morgen gegen diejenigen, die für ihre Rechte protestieren.kämpferischer biissi

Versuche, diese Technologiekonzerne zu regulieren, haben sich immer wieder als unwirksam erwiesen. Geldstrafen, so hoch sie auch sein mögen, sind für Unternehmen, die Milliardengewinne erwirtschaften, nur eine kleine Unannehmlichkeit. Die Vorschriften, die oft mit Hilfe der Tech-Lobbys selbst entworfen wurden, haben oft Schlupflöcher, die es diesen Unternehmen ermöglichen, weiterhin relativ ungestraft zu operieren.

Vor diesem Hintergrund werden Vorschläge wie der von Evgeny Morozov und anderen kritischen Denkern immer lauter: die Enteignung der technologischen Infrastrukturen. Diese Idee basiert auf der Prämisse, dass die Technologie, insbesondere das Internet und die KI, für die Zukunft der Menschheit zu wichtig sind, um sie in den Händen privater Interessen zu lassen. Die Enteignung würde eine Neukonfiguration dieser Infrastrukturen ermöglichen und sie von Instrumenten der Kontrolle und Kapitalakkumulation in Gemeingüter im Dienste der Gesellschaft verwandeln.

Diese Umgestaltung könnte ein entscheidender Schritt zur Entkolonialisierung der Technologie sein und die Schaffung einer demokratischeren und gerechteren Internetarchitektur unterstützen. Sie würde die Technologie von ihrer vorherrschenden Funktion der Kapitalakkumulation und ihrer Rolle bei der Aufrechterhaltung des globalen Neoliberalismus befreien und ihre Nutzung für gesellschaftlich nützliche Zwecke ermöglichen.

Die Debatte verschärft sich durch jüngste Entwicklungen, die es ermöglichen, gesellschaftliche Vorurteile in KI-Systeme einzubringen. Wer diese Systeme kontrolliert, kann potenziell beeinflussen, wie KI Informationen verarbeitet und darstellt, was enorme Folgen für die öffentliche Meinungsbildung hat. Mustafa Suleyman, Mitbegründer von DeepMind und aktueller CEO von Microsoft AI, weist darauf hin, dass solche Technologien das Ergebnis politischer Wahlen erheblich beeinflussen könnten.

Einige Experten warnen in offenen Briefen vor den Risiken einer unkontrollierten KI-Entwicklung. Diese Bedenken werden jedoch häufig von Akteuren abgetan, die wirtschaftliche Interessen an der Beschleunigung dieser Technologien haben. Die Debatte über eine mögliche „Eindämmung“ der KI, die bis zu extremen Vorschlägen wie „notfalls den Stecker ziehen“ reicht, verdeutlicht die tiefe Besorgnis, die selbst unter den Entwicklern dieser Technologien besteht.

Das Aufkommen von Open-Source-Initiativen wie EleutherAI oder die Veröffentlichung des Llama-Modells durch Meta zeigt, dass es Alternativen zum dominanten proprietären Modell gibt. Allerdings sind diese Projekte häufig eher eine Reaktion auf den Wettbewerb als ein echtes Bekenntnis zu Offenheit und Demokratisierung der Technologie.

Neben diesen gesellschaftlichen Auswirkungen bringt KI auch erhebliche ökologische Widersprüche mit sich. Das Streben nach Gewinnmaximierung führt zu einem unverhältnismäßigen Verbrauch natürlicher Ressourcen und gravierenden ökologischen Folgen. Rechenzentren, die den Betrieb von Tech-Giganten und KI-Modellen ermöglichen, benötigen enorme Mengen an Energie und Wasser. Schätzungen zufolge kann eine durchschnittliche GPT-Sitzung mit 10 bis 50 Abfragen aufgrund der Serverkühlung und des Energieverbrauchs bis zu einem halben Liter Wasser verbrauchen.

Alles in allem ist die Enteignung der technologischen Infrastrukturen nicht nur ein wirtschaftlicher Vorschlag, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Sie würde es ermöglichen, diese mächtigen Instrumente unter öffentliche Kontrolle zu stellen und zu gewährleisten, dass ihre Entwicklung und Anwendung mit dem Gemeinwohl und nicht mit den privaten Profiten einer technologischen Elite in Einklang gebracht werden.

Die Enteignung sollte jedoch nicht als Selbstzweck betrachtet werden, sondern als Teil eines Programms für den Übergang zum Sozialismus. Sie würde auch ein radikales Umdenken bei der Entwicklung und dem Einsatz von Technologie hin zu einer demokratischen Planung der Wirtschaft bedeuten.

Letztlich ist die Entscheidung zwischen Regulierung oder Enteignung eine Entscheidung darüber, welche Art von Zukunft wir aufbauen wollen. Eine Zukunft, in der Technologie ein Werkzeug der Emanzipation und des sozialen Fortschritts ist, oder eine, in der sie ein Instrument der Kontrolle und Ausbeutung ist. Das Ausmaß der Herausforderung erfordert mutige Lösungen. Die Enteignung der technologischen Infrastrukturen könnte der erste Schritt zu einem neuen technologischen Paradigma im Dienste der Menschheit sein.

Technologie zur Befreiung

In einer Welt, die von großen Technologiekonzernen und dem ständigen Spannungsverhältnis zwischen Regulierung und Kontrolle der Technologie beherrscht wird, erweist sich Kreativität als starker Motor für Veränderungen. Das Beispiel des von La Izquierda Diario entwickelten Bots versucht zu zeigen, dass es auch mit begrenzten Ressourcen möglich ist, Technologie auf innovative Weise und im Dienste der Gemeinschaft einzusetzen.

Die Initiative von La Izquierda Diario zeigt, dass diese Technologien auch in kleinem Maßstab für einen anderen Zweck genutzt werden können. In diesem Fall geht es um die Verbreitung und Demokratisierung von sozialistischen Ideen. Die Idee von ChatPTS ist, dass Sie Fragen zu einer Vielzahl von Themen stellen können, von ideologischen Fragen bis hin zu politischen Charakterisierungen oder aktuellen Themen. Das Tool wird versuchen, die relevantesten Artikel oder Bücher zu finden, um die Frage zu beantworten, und wird eine personalisierte Zusammenfassung mit vorgeschlagenen Links zur Ergänzung der Lektüre geben. Dieses Tool ersetzt in keiner Weise die kollektive Reflexion, den Austausch und das ständige Hin und Her zwischen Theorie und Praxis. Es fungiert als Aggregator und Synthesizer des Geschriebenen, hat aber keine eindeutigen oder präzisen Antworten, sondern ist vielmehr etwas Dynamisches, das mit neuen historischen Erfahrungen erneuert und überdacht wird.

Das ist natürlich nicht das einzige Beispiel. Es gibt Hunderttausende von Menschen auf der ganzen Welt, die wie dieses kleine Team ihre Fähigkeiten und ihre Kreativität einsetzen, um technologische Werkzeuge zu entwickeln, die Gemeinschaften stärken und den sozialen Wandel fördern.

In einer Gesellschaft, in der die Grundbedürfnisse gedeckt sind, kann die Technologie ein Mittel sein, um die Rolle der Arbeit neu zu gestalten und zu definieren. Indem wir die Technologie nutzen, um die mühsamsten und entfremdendsten Aufgaben abzuschaffen, können wir unsere Zeit für bereichernde und lohnende Tätigkeiten frei machen.

Wie Catherine Samary argumentiert,

Sobald die Arbeit an sich interessant wird (und einen Lebensstandard bietet, der in einem bestimmten Kontext im Konsens als sozial gerecht angesehen wird), lassen sich Routine und Konservatismus durch den Vergleich von Ergebnissen, den Druck von zusammenarbeitenden Teams, den Druck von Verbrauchern von Waren und Dienstleistungen und die Freude an gut gemachter Arbeit leicht bekämpfen. [5]

Das ist genau das Gefühl, das diejenigen von uns haben, die ihre Zeit und ihren Einsatz in die Entwicklung von Technologien stecken, die der Gemeinschaft dienen. Wir kennen die Grenzen der Nutzung der im Kapitalismus entwickelten Technologie. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was im Sozialismus erreicht werden könnte, aber selbst mit unserer kleinen Initiative wollen wir eine revolutionäre Nutzung der Technologie zeigen.

Die Kreativität und die kollektive Arbeit derjenigen, die sich weigern, die Vorherrschaft der großen Technologiekonzerne zu akzeptieren, sind der Keim für eine alternative Zukunft. Indem wir diese Initiativen „von unten“ organisieren und artikulieren, können wir zum direkten Kampf gegen das Kapital und zur Perspektive des Aufbaus einer Technologie beitragen, die den Bedürfnissen und Bestrebungen der Arbeiterklasse und der unterdrückten Gemeinschaften dient. Nur so können wir uns auf eine Gesellschaft zubewegen, in der die Technologie ein Mittel zur vollen Verwirklichung der Menschheit ist und nicht ein Instrument der Beherrschung und Ausbeutung.

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