AfD-Jugend: Neuer Name, alte Kader

21.11.2025, Lesezeit 8 Min.
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Foto: Leonhard Lenz, CC0, via Wikimedia Commons

Ob an der Spitze oder Basis: In der „Generation Deutschland“ werden sich altbekannte Nachwuchsrassisten versammeln. Das sind die Kandidat:innen für den Vorstand der AfD-Parteijugend.

Der AfD-Nachwuchs will sich Ende November in Gießen einen neuen Anstrich verpassen. Schon länger heißt es aus Parteikreisen, dass die Organisation den Namen „Generation Deutschland“ tragen soll. Jetzt ist bekannt geworden, wer für die Ämter der neuen AfD-Jugend kandidieren will.

Der Faschist im Anzug: Jean-Pascal Hohm

Was mit der Neugründung blüht, lässt sich schon am designierten Vorsitzenden Jean-Pascal Hohm ablesen. Seine Kandidatur gilt als gesetzt. Der 28-jährige Brandenburger war bereits als Jugendlicher in der AfD aktiv. 2014 war er Gründungsmitglied der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative (JA). Mittlerweile sitzt er im Vorstand der AfD Cottbus und ist seit 2024 Landtagsabgeordneter der AfD in Brandenburg. Von der Presse als Bindeglied zur extremen Rechten verstanden, erscheint Hohm als lupenreiner Neonazi – aber im Anzug und mit Karriereambitionen.

Inhaltlich vertritt Hohm immer wieder das Narrativ eines „Bevölkerungsaustauschs“ der „Deutschen“ durch Migration, so etwa Ende November 2022 auf der Plattform X: „Wer also das Staatsvolk sukzessive durch Einbürgerung ersetzt, verändert Deutschland nicht, sondern schafft es ab. Ohne Deutsche kein Deutschland. Widerstand ist darum Pflicht. Für Deutschland.“ Anfang September 2024 sprach Hohm auf einer Wahlkampfveranstaltung im brandenburgischen Lübben von einem „Bevölkerungsaustausch, das ist die massive Migrationspolitik, die in diesem Land stattfindet, die uns zu Fremden im eigenen Land macht, die uns hier austauscht – und das wollen wir nicht“. Eine staatsmännische Mäßigung seiner Positionen steht nicht in Aussicht. Gegenüber Focus erklärte Hohm knapp zwei Wochen vor dem Gründungstreffen der AfD-Jugend, Deutschland müsse „als Land der Deutschen erhalten“, das „Vaterland vor dem Untergang“ bewahrt werden.

Auch organisatorisch spielt der Nachwuchsrassist rechtsaußen. Aus der Fanszene des Vereins Energie Cottbus stammend, trat er 2017 mit dem damaligen Anführer der Identitären Bewegung bei einem Fußballspiel auf, wie die taz im August berichtete. Es sei zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören gekommen. Die Aktion soll Hohm seinen Job bei der AfD-Landtagsfraktion gekostet haben. Der taz zufolge hatte Hohm zu dieser Zeit auch persönliche Kontakte zum italienischen Neofaschismus. Während der Coronapandemie sei er dann an der Spitze eines vermummten Neonaziblocks gelaufen und habe Parolen angestimmt. Bei einer Vorstellung auf der Website der AfD-Kreisverbands Cottbus gab er 2023 außerdem an, Mitglied des Vereins „Zukunft Heimat“ und Fördermitglied der Vereine „Bürgertreffpunkt Cottbus“ und „Ein Prozent“ zu sein – allesamt der extremen Rechten zuzuordnen. Zwar will die neue AfD-Jugend Doppelmitgliedschaften verbieten. Im Podcast von „Ein Prozent“ betonte Hohm Anfang 2025 allerdings, dass frühere Aktivitäten in „extremistischen“ Gruppen einer Aufnahme nicht zwingend im Weg stünden.

Auch als Theoretiker über Vorfeld und Partei versucht sich Hohm einen Namen zu machen. O-Ton Facebook 2017: „Wir sind Teil einer Bewegung: Pegida auf der Straße, die Identitären auf dem Brandenburger Tor und die AfD im Parlament.“ Am 16. November 2025 analysierte Hohm auf X, die AfD habe sich „im Hinblick auf ihr Verhältnis zum Vorfeld sehr gut entwickelt“, was sich nicht zuletzt daran zeige, dass „zahlreiche Akteure aus dem vorpolitischen Raum zum Gründungskongress der Jugendorganisation eingeladen wurden“. Ohne diese sei eine „flächendeckende patriotische Hegemonie“ nicht zu erreichen. Es gelte aber, dass in dem „starken patriotischen Mosaik“ jeder Teil seine Aufgabe kenne: „Weder sollte sich die Partei dem Vorfeld anbiedern, noch das Vorfeld der Partei.“

Was bei einem Faschisten nicht fehlen darf: ein gewaltsamer Hass nicht nur auf Migrant:innen, sondern auch auf Linke und Queers. Im Februar teilte Hohm etwa das Lied „Wenn du links bist“ vom Label „Neuer Deutscher Standard“ auf Instagram. Darin machen sie die Urheber über Linke und „Regenbogenfähnchen“ lustig. Wenige Monate zuvor, im September 2024, war der AfDler bei Spiegel TV zu sehen, wie er sich mit Rat an Jugendliche richtete: „Betreibt Kampfsport, bildet Gemeinschaft und werdet wehrhaft. Gerade in einer Situation, in der man unser Land, unsere Städte mit Millionen Kulturfremden flutet, die sich hier wie Eroberer verhalten, müssen wir uns verteidigen können.“

Weitere Kandidaten und eine Kandidatin

Am Dienstag hat das rechte Wochenblatt Junge Freiheit (JF) weitere Namen zusammengetragen, die für Positionen in der neuen AfD-Jugend kandidieren wollen. Demnach soll der Vorstand, den es am 29. und 30. November in Gießen zu wählen gilt, aus 16 Personen bestehen. Neben Hohm soll es drei stellvertretende Vorsitzende geben. Als Favorit zählt laut JF der 28-jährige Jan Richard Behr aus dem Kreisverband Alzey-Worms, ebenfalls eine Parteigeburt mit Vernetzungen in die außerparlamentarische rechte Szene. In der JA Dresden war er Kreisvorsitzender, im sächsischen JA-Landesverband war er Schatzmeister. Auf Instagram präsentiert er sich mal im Anzug, mal auf einer Demo mit Deutschlandflagge, mal neben dem AfD-Faschisten Björn Höcke. Wer Behr bei Google sucht, findet zahlreiche Einträge in antifaschistischen Infoportalen. Laut rheinmain-rechtsaussen.org steht Behr etwa der Identitären Bewegung sowie der „Burschenschaft Germania Halle zu Mainz“ nahe.

Außerdem kandidiert der Niedersachse Adrian Maxhuni. Auch er ist augenscheinlich ein Karrierepolitiker mit rechtsoffener Flanke. Er ist mitunter stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Osnabrück-Land, war Landesvorsitzender der niedersächsischen JA sowie im Bundesvorstand der ehemaligen AfD-Jugend.

Nach Informationen von JF ist der dritte Stellvertreterplatz noch umkämpft. Als Vertrauter des AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, selbsternanntes „freundliches Gesicht des NS“, geht Patrick Heinz ins Rennen. Helferich dankte dem ehemaligen Vorsitzenden der JA in Nordrhein-Westfalen, der auf Social Media mal im Anzug, mal mit Boxhandschuhen auftritt, zuletzt am 1. April auf X – für „Kameradschaft“. Gegen ihn steht angeblich der NRW-Jugendbeauftragte Manuel Linnemann, laut JF dem NRW-Vorstandsmitglied Martin Vincentz nahestehend. Letzterer befindet sich Medienberichten zufolge in einem offenen Machtkampf mit dem Faschisten Helferich.

Aus Berlin-Reinickendorf bewirbt sich Christopher Wiedenhaupt auf das Amt des Schriftführers. Auch zur Berliner Abgeordnetenhauswahl im September 2026 will der 26-jährige antreten. Als Schatzmeister könnte Lennard Scharpe aus Sachsen kandidieren, so Angaben der JF. Der 24jährige war Landesvorsitzender der JA und Jugendbeauftragter im Bundesland. Als einzige Frau kandidiert Reinhild Goes aus dem Vorstand der AfD in Göttingen. Ihrem Instagram nach zu urteilen ist sie durch und durch AfD-Parteikader. In ihrem einzigen Post ohne direkten Parteibezug trauert sie um den im September in Orem, USA, erschossenen Trump-Freund Charlie Kirk.

Für die acht Beisitzerposten stehen laut JF einige Männer in Aussicht, darunter Kevin Dorow aus Schleswig-Holstein, Alexander Claus aus Thüringen und der 17-jährige Mio Trautner aus Baden-Württemberg. Aus Mecklenburg-Vorpommern könnte sich Wendelin Nepomuk Fessl bewerben, aus Hessen Nafiur Rahman, aus Sachsen-Anhalt Florian Ruß. Die meisten der Kandidaten haben eine JA-Vergangenheit.

Nicht alles bleibt wie gehabt

Die JA wurde 2013 gegründet und 2015 als Jugendorganisation der AfD anerkannt – zu einer Zeit, in der die AfD eine randständige, wenn auch aufstrebende Partei war. Jüngsten Umfragen zufolge könnte die AfD bei der nächsten Wahl aber die stärkste, mindestens zweitstärkste Kraft auf Bundesebene werden. Indessen mehren sich die Stimmen, besonders aus CDU und CSU, die auf eine Zusammenarbeit mit der AfD pochen und ihre Integration vorantreiben.

In dieser Gemengelage formiert sich mit der „Generation Deutschland“ eine enger an die Mutterpartei gebundene Kraft, die auf die integrativen Tendenzen zugehen wird, ohne ihr Vorfeld zu verprellen. Nach Ansicht von Nachwuchschef Hohm ist es Zweck der Jugendorganisation, der AfD zu helfen, anschlussfähiger und damit regierungsfähig zu werden, wie JF Anfang November berichtete. Zu erwarten ist, dass der Großteil der offen faschistischen Kräfte diesen Weg vorerst mitgehen und in die Partei hineinwirken wird.

Die bürgerlichen Parteien begegnen dem rechten Aufschwung nicht mit klarer Kante, sondern mit einer ausgestreckten Hand. Von Union über SPD und Grüne bis hin zu Teilen der Linkspartei wird die Militarisierung der BRD vorangetrieben, die Polizei hochgerüstet und die Migration zum Problem erklärt. Eine echte Opposition kann es nur in den Betrieben, den Gewerkschaften und auf den Straßen geben. Deshalb: Lasst uns die Neugründung der AfD-Jugend in Gießen blockieren, auf dass sie keinen Fuß fassen mag.

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