Hintergründe

Trotzki, Gramsci und die kapitalistische Demokratie (Teil II)

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dehnte sich die kapitalistische Demokratie, verstanden als politisches Regime und ideologisches Konstrukt, stärker aus als je zuvor. Ausgehend von den Ausarbeitungen der marxistischen Revolutionäre Leo Trotzki und Antonio Gramsci nehmen wir uns in diesem dreiteiligen Artikel vor, die Frage der Revolution in den gesellschaftspolitischen Strukturen „westlichen“ Typs und den bürgerlich-demokratischen Regimen zu beantworten. Teil II: Bürgerliche und proletarische Hegemonie

Trotzki, Gramsci und die kapitalistische Demokratie (Teil II)

Dieser Artikel erschien zuerst im Januar 2016 im Theoriemagazin Estrategia Internacional Nr. 29 auf Spanisch. Wir veröffentlichen ihn hier zum ersten Mal auf Deutsch in drei Teilen. Teil I erschien am 30.08.2020, Teil III erscheint am 13.9.2020.

Teil II: Bürgerliche und proletarische Hegemonie

Die Auswirkungen des Faschismus und des Stalinismus gaben der Theorie des „kombinierten“ Staates, die wir zuvor erwähnten, neuen Aufwind. Unter dem Slogan „Demokratie bis zum Schluss“ gehen Theoretiker*innen wie Antoine Artous das Problem über die Beziehung zwischen repräsentativer und direkter Demokratie an und kommen zu dem Schluss, dass diese unter einem System der „doppelten Repräsentation“ miteinander vereinbar seien. Die politische Repräsentation erfolge durch eine über das allgemeine Wahlrecht der atomisierten Bevölkerung gewählten Versammlung, während die „Sowjets“ – in den Worten von Artous – sich auf eine „zweite Sozialkammer“ reduzieren, „welche die Gewerkschaften und Verbände repräsentieren, die die ökonomischen und sozialen Interessen der Lohnabhängigen und verarmten Massen verteidigt“1. Da sich das Aufkommen von räteähnlichen Organisationsformen im Zuge jeder Revolution nicht vermeiden lässt, werden durch dieses System die Arbeiter*innen so weit wie möglich von der politischen Macht ferngehalten, damit sie sich auf korporatistische Institutionen beschränken, die sich um „ihre“ Angelegenheiten kümmern – also besser gesagt, dass sie auf die Hegemonie verzichten2. All dies ist keine Neuheit, seit den Zeiten Hilferdings – und der Weimarer Verfassung – war es das implizite und explizite Ziel dieser Art von Strategien.

Ähnlich formulierte es auch Ernest Mandel: „alle Formen direkter Demokratie […] ersetzen die Institutionen des universellen Wahlrechts nicht, sondern ergänzen diese“, mit dem Argument dass „die Arbeiter*innenmassen aus aller Welt fest von der Notwendigkeit überzeugt sind, an demokratischen Wahlen von parlamentarischen Organen teilzunehmen.“3 Um seine Perspektive des „demokratischen Sozialismus“ zu stützen, fasste der späte Poulantzas seine Kritik an der Russischen Revolution und des Bolschewismus in folgender Aussage zusammen: „war nicht genau diese Situation, genau diese Linie (die radikale Ersetzung der repräsentativen Demokratie durch eine basisdemokratische) der konstitutierende Faktor für das, was später in der Sowjetunion passierte, schon zu Lebzeiten Lenins, und den zentralisierenden und staatsmännischen Lenin hervorbrachte, dessen Folgeerscheinungen wir kennen?“4

Jedoch handelt es sich nicht nur um eine Diskussion über die Unterschiede zwischen der sowjetischen Demokratie in Russland und der im „Westen“, wie sie gerne präsentiert wird5. Trotzki hat selbst kein Problem damit, für den „Westen“, wie im Falle der USA6, die Möglichkeit zu benennen, dass unter der Herrschaft der Räte möglicherweise keine schweren politischen Einschränkungen gegenüber dem enteigneten Bürgertum notwendig seien: „In Wirklichkeit werden sich amerikanische Sowjets von den russischen Sowjets genauso unterscheiden, wie sich die Vereinigten Staaten Präsident Roosevelts vom Russischen Reich des Zaren Nikolaus II. unterscheiden.“7 Etwas Ähnliches sagt er im Bezug auf Deutschland8.

Die Unmöglichkeit, die bürgerliche Demokratie mit sowjetischer Demokratie zu verbinden, liegt darin begründet, dass sie politischer Ausdruck zweiter antagonistischer sozialer Regime sind. Beide Repräsentationssysteme sind darin kohärent. Das grundlegende Prinzip der kapitalistischen Demokratie ist die Trennung der Massen von der Regierung des Staates, wofür dieser, wie wir gesehen haben, über viele Mechanismen verfügt. Durch das „universelle Wahlrecht“, das alle zwei, vier oder sechs Jahre ausgeübt wird, stützt sich der Parlamentarismus, und noch mehr das präsidentielle Regierungssystem, auf die Atomisierung der Bevölkerung und insbesondere der Arbeiter*innenklasse. Somit kann die Regierung einer Minderheit, der Bourgeoisie, die eigene Hegemonie festigen, indem sie sich als Ausdruck eines allgemeinen „Volkswillens“ der Massen präsentiert9.

Die Sowjetdemokratie geht vom gegenteiligen Prinzip aus: die Einbindung der Massen in die Regierung des Staates so weit wie möglich zu erhöhen. Dementsprechend sind die gewählten Räte (Sowjets) die Basis, die sich nicht nach Wahlkreisen der bürgerlichen Demokratie aufteilen, sondern sich im Grunde genommen über die Produktionseinheiten zusammensetzen (Unternehmen, Fabriken, Schulen, etc.). Diese Räte sind, in den Worten von Marx, als „arbeitende Körperschaften“ aufgebaut, erfüllen gleichzeitig legislative und exekutive Funktionen, und regieren im weitesten Sinne des Wortes: Sie entscheiden über die politische Richtung und verwalten die Ressourcen der Gesellschaft auf Grundlage des staatlichen Eigentums an den Produktionsmitteln. Wegen dieser Eigenschaften beinhaltet ihre fortschreitende Weiterentwicklung, zusammen mit der Entwicklung hin zum Sozialismus, die Tendenz, dass der Staat als solcher verschwindet, d.h. als eine von der Gesellschaft getrennte Macht, die sich scheinbar über diese stellt.

Dabei handelt es sich nicht um eine „ideale“ institutionelle Struktur, die aus dem Nichts auftaucht. Im Gegenteil basiert die sowjetische Demokratie auf dem entschlossensten Impuls zur Selbstorganisierung, der sich ausgehend von der Einheitsfront der Massen in den revolutionären Prozessen entwickelt; zunächst für die Verteidigung, dann für die Offensive, und wenn die Macht ergriffen ist, verwandeln sie sich in das institutionelle Gerüst der Diktatur des Proletariats. Die Räte sind fundamentale Säulen für die Hegemonie des Proletariats.

Die Strategien, die einen „kombinierten Staat“ anstreben, hegen die Bestrebungen zur Selbstorganisation in die engen Grenzen der „ökonomischen und sozialen Angelegenheiten“ ein und negieren damit die proletarische Hegemonie. Somit nehmen sie eine reaktionäre – oder sogar konterrevolutionäre – Rolle in den zugespitzten Momenten des Klassenkampfes ein, da es dort nicht nur um eine Konfrontation zwischen politischen Regimen geht, sondern um den Klassencharakter des Staates und folglich um die Bewaffnung des Proletariats und die Entwaffnung des Bürgertums, ohne die es keine Sowjetdemokratie geben kann.

Strategisch gesehen versteckt der „kombinierte Staat“ (vollendet oder nicht) unter einem falschen Lösungsansatz die gravierendsten Probleme der Strategie. (Beziehung zwischen Angriff und Verteidigung, Stellungen und Manövern, etc.). Dies geschieht vor allem in den Momenten des Übergangs zum Angriff (Aufstand und Bürgerkrieg).

Davon ausgehend, dass es keinen Raum dafür gibt, die bürgerliche und die sowjetische Demokratie miteinander zu versöhnen, kehren wir zum Problem des strategischen Ausdrucks dieser Elemente in der Verteidigung während der Vorbereitungsphase zurück.

Der relative Wert der „Schützengräben“ in der Defensive

In unserem Artikel „Trotzki und Gramsci: Strategiedebatten über die Revolution im Westen“, erläuterten wir im Zuge der Taktik der „Arbeiter*innenregierung“ den relativen Wert der „Festungen“ oder „Schützengräben“ in der Offensive. Je nachdem wie sie verwendet werden, können sie wie ein Trampolin wirken, das die Chancen zum Angriff erhöht (Vorbereitung des Aufstandes) oder wie ein Schwergewicht, das die Offensive scheitern lässt10. Hier behandeln wir denselben Aspekt, aber aus der Perspektive der Defensive.

Peter Thomas veröffentlichte 2009 sein Buch The Gramscian Moment, das zu einer Referenz in den Studien über Gramsci wurde11. Für diesen Artikel interessieren uns insbesondere die Ausarbeitungen und die Interpretation, die er aus dem Konzept der „hegemonialen Apparate“12 entwickelt. Sich auf die Gefängnishefte von Gramsci13 beziehend, weist er auf folgendes hin: „Ein hegemonialer Klassenapparat ist eine Bandbreite von Institutionen (im weitesten Sinne) und Praktiken – von den Zeitungen bis hin zu Bildungsinstitutionen – über die die Klasse und ihre Verbündeten mit den Gegnern um die politische Macht kämpfen“14.

Trotzki beschrieb diese Art von Institutionen als Elemente der proletarischen Demokratie: „Im Rahmen der bürgerlichen Demokratie und gleichzeitig in ständigem Kampf mit ihr haben sich im Laufe von Jahrzehnten die Elemente der proletarischen Demokratie gebildet: politische Parteien, Arbeiterpresse, Gewerkschaftsverbände, Fabrikkomitees, Klubs, Genossenschaften, Sportorganisationen u. a.“15.

Welchen strategischen Wert schreibt Thomas nun diesen Elementen zu? Laut dem Autor könne „der staatlichen Apparat des Bürgertums nur (neutralisiert) werden, wenn ihm das Proletariat die ’soziale Basis‘ entzogen hat: durch ein alternatives hegemoniales Projekt und einen hegemonialen Apparat, der diesem Projekt entspricht. Lenin beschrieb, nach den Worten von Marx und Engels, die Pariser Kommune und die Sowjets als einen ‚besonderen Staatstypus’“16. Trotzki meinte dazu:

Unsere Aufgabe hingegen ist es, die schon entstandenen Elemente der proletarischen Demokratie zur Grundlage des Sowjetsystems des Arbeiterstaates zu machen. Zu diesem Zweck muss man die Schale der bürgerlichen Demokratie sprengen und den Kern der Arbeiterdemokratie aus ihr herausholen – darin besteht eben das Wesen der proletarischen Revolution.17

Während für Thomas – in Bezug auf den strategischen Wert – diese Instutionen den staatlichen Apparat „neutralisieren“sollen, ist ihre Entwicklung für Trotzki unausweichlich an die Notwendigkeit geknüpft, die „Schale der bürgerlichen Demokratie zu sprengen“. Es geht also nicht darum, die bürgerliche Hegemonie zu „neutralisieren“, sondern zu „sprengen“.

Die „hegemonialen Apparate“ sind in sich nicht fähig, die bürgerliche Hegemonie zu „neutralisieren“. Deshalb verknüpft Trotzki, wie wir in dem Falle Frankreichs sahen, die Losung der defensiven Einheitsfront mit der Auseinandersetzung mit den Illusionen der bürgerlichen Demokratie. Auf die hypothetische Frage eines Arbeiters, „Seid Ihr Kommunisten bereit, die Weimarer Verfassung zu verteidigen?“, antwortet er, indem er zwischen den Institutionen innerhalb des bürgerlichen Systems unterscheidet: „Die Republik wird vom Präsidenten gekrönt. Sind wir Kommunisten bereit, Hindenburg vor dem Faschismus zu verteidigen? Dazu besteht, hoffe ich, keine Notwendigkeit: Hindenburg hat die Faschisten selber zur Macht berufen. Weiter folgt die Regierung, mit Hitler an der Spitze. Auch sie bedarf keines Schutzes vor dem Faschismus. Weiter folgt das Parlament. […] Man kann aber eines schon heute mit Gewissheit behaupten: Wenn der Reichstag der Regierung feindlich sein wird, wenn Hitler versuchen wird, den Reichstag zu liquidieren, und wenn die Sozialdemokratie sich entschlossen zeigt, um den Reichstag zu kämpfen – dann werden die Kommunisten die Sozialdemokratie aus allen Kräften darin unterstützen.“18 Und später deutet er darauf hin, dass es „höhere Werte” gäbe, im Bezug auf die „Elemente der proletarischen Demokratie”, die wir zuvor aufgezeigt haben, und fügt hinzu: „Die Aufgabe des Faschismus besteht nicht so sehr darin, die Reste der bürgerlichen Demokratie zu erledigen, als darin, die Keime der proletarischen Demokratie zu vernichten.”19

Im Kampf um die Verteidigung dieser „Festungen”, Orte der Unterstützung dieser ersten „Elemente der proletarischen Demokratie” gegen den bürgerlichen Staat und, falls es sich um einen ernsthaften Kampf handelt, gegen das Parlament, meint Trotzki, dass die „Schale der bürgerlichen Demokratie” gesprengt werden kann und die Räte als Basis eines „besonderen Staatstypus” hervorgehen können. Es handelt sich um eine dynamische Vision, innerhalb derer sich das Bewusstsein mit der Erfahrung entwickelt.

Diese Dynamiken stehen nicht nur in Verbindungen mit direkten Angriffen, wie die von Seiten des Faschismus, sondern auch damit, wie die Bürokratisierung und Verstaatlichung diese Festungen des Proletariats in ihr Gegenteil verwandeln kann.

Thomas gibt folgende evolutive Interpretation: „Der hegemoniale Apparat ist das Mittel, durch den sich die Klassenkräfte der Zivilgesellschaft in Macht innerhalb der politischen Gesellschaft übertragen. Oder, im Begriff des kapitalistischen Staates im späten Poulantzas20, ist der hegemoniale Apparat die ‚materielle Verdichtung der Kräfteverhältnisse‘ innerhalb der Klasse oder Klassenbündnis, die es erlaubt, den Gegner auf der politischen Ebene zu konfrontieren.”21

Obwohl diese hegemonialen Apparate weit davon entfernt sind, in sich einer materiellen Verdichtung der Kräfteverhältnisse auszudrücken, haben sie einen relativen Wert, sogar in der Verteidigung, je nachdem ob sie unter der Kontrolle der proletarischen Bewegung oder der gewerkschaftlichen oder politischen Bürokratie sind. Sie können Mittel sein, die dem Proletariat nützen, um sich der Bourgeoisie entgegenzustellen, oder im Gegenteil Mittel, die der Bourgeoisie und dem Staat nützen, um die Arbeiter*innenbewegung zu kontrollieren. Deswegen ist der Kampf gegen die Bürokratie nicht nur ein Problem für „nach der Machtübernahme” oder nur für die Offensive. Im Gegenteil handelt es sich notwendigerweise um einen permanenten und täglichen Kampf, der untrennbar ist von der Verfasstheit der Arbeiter*innenklasse als politisches Subjekt und ihrem Kampf um Hegemonie. Wie wir sehen werden, ist die Taktik der Einheitsfront direkt mit diesem taktischen und strategischen Problem verbunden.

Wir werden später zu Thomas‘ Interpretation von Gramsci zurückkommen, die sich fast ausschließlich auf die Gefängnishefte bezieht; zunächst interessiert uns die Frage: Gab es in der Politik des reifen Gramsci vor seiner Verhaftung zweideutige Elemente, die Raum für solche Interpretationen lassen?

Einheitsfront: Verteidigung und Akkumulation von Kräften für die Offensive

Unsere bisherigen Thesen zusammenfassend, können wir sagen, dass die Verteidigung als negatives Ziel das „Abwehren von Schlägen“, das „Bewahren“ hat. Das positive Ziel wird durch die Sammlung der Kräfte gegeben, um in die Offensive zu gehen. Nun, ein defensives Schema der Verteidigung, das sich auf die o.g. „graduellen“ bzw. „evolutiven“ Elemente beschränkt, unterscheidet sich in der Praxis nicht im Geringsten von dem, was Clausewitz als eine Absurdität aus strategischer Perspektive bezeichnete: die „passive Verteidigung“. Daher sind die besten Verteidigungsformen diejenigen, die von zahlreichen offensiven Mitteln Gebrauch machen. Deshalb ist es erneut notwendig, das positive Ziel der Verteidigung in den Vordergrund zu bringen: das Sammeln von Kräften, um in die Offensive zu gehen. Aus strategischer Perspektive scheitert ohne dieses Element jede Verteidigung, unabhängig von der Anzahl offensiver Mittel, die sie artikulieren will, da es den Kern der Sache verfehlt: die Vorbereitung des Gegenangriffs.

Zuvor haben wir die Artikulation zwischen dem radikaldemokratischen Programm und der Einheitsfront angesprochen, und wie das Erstere die Zweite zu dynamisieren versucht. Wir sahen auch, wie die Entwicklung der Einheitsfront die Grundlage für die Bildung von räteähnliche Organen darstellt, welche Organe für den Übergang zur Offensive sind, um daraufhin Gerüst der Diktatur des Proletariats zu werden. Jedoch haben wir auch auf das strategische Ziel der Einheitsfronttaktik hingewiesen: die Mehrheit für die Revolution zu gewinnen, oder in anderen Worten, dass die revolutionäre Partei die Mehrheit der Arbeiter*innenklasse für sich gewinnt, damit genau die Dynamik „auf dem Papier“ der „Einheitsfront-Räte-Diktatur des Proletariats“ in der Tat möglich wird. Somit stellt sich die Frage, wie sich in der Defensive diese progressive Dynamik zwischen der Bildung einer Einheitsfront der Klasse gegen die Bourgeoisie und der Stärkung des revolutionären Einflusses für die Offensive ausdrückt.

Sowohl für Trotzki als auch für Gramsci ging die Notwendigkeit, die radikal-demokratischen Losungen aufzuwerfen, Hand in Hand – sie war untrennbar verbunden – mit dem Kampf gegen die Illusionen in die bürgerliche Demokratie und dem Parlamentarismus, wesentliche Mittel gegen die Perspektive der Arbeiter*innenmacht. „Die herrschenden Klassen“, sagte Gramsci bezüglich Italiens, „implementieren einen großen Plan der Korruption und der internen Zersetzung der Arbeiterbewegung. Dabei nutzen sie gegenüber den opportunistischen Führern die Möglichkeit als Köder, dass die Arbeiteraristokratie mit der Regierung zusammenarbeitet, um eine ‚reformistische‘ Lösung des Problems des Staates zu finden (linke Regierung).“ 22

Um diesen Punkt im Vergleich zwischen Trotzki und Gramsci anzugehen, sind besonders ihre jeweiligen Einschätzungen dessen relevant, was einer der wichtigsten Schauplätze des Klassenkampfes im „Westen“ in den 20er Jahren nach der Deutschen Revolution von 192323 war: der Generalstreik und der Bergarbeiter*innenstreik in Großbritannien im Jahr 1926. Seine Relevanz erklärt sich sowohl anhand der Bedeutung des Prozesses selbst, als auch weil er jenen „reformistischen Lösungsversuch“ zum Ausdruck brachte, im Rahmen einer der großen imperialistischen Demokratien, nicht in der „westlichen Peripherie“ (Italien).

Ab 1924 entwickelte sich innerhalb der britischen Gewerkschaften eine Bewegung („Bewegung der Minderheit“), die größere Härte gegen die Bosse forderte, und zu der auch Kommunist*innen in einer Einheitsfront mit dem „linken“ Flügel der Labourpartei24 gehörten. Letzterer wurde von A. A. Purcell angeführt, der 1924 den Vorsitz der TUC (Trade Union Congress)25 erlangte. Vor diesem Hintergrund26 entstand das „anglo-russische Gewerkschaftskomitee“, als Koordinierungsstelle zwischen den sowjetischen und den britischen Gewerkschaften mit dem Vorschlag der gegenseitigen Solidarität und dem erklärten Ziel, die internationale gewerkschaftliche Einheit zu schmieden.

Im Jahr 1926 organisierte die britische Arbeiter*innenbewegung die größte Massenaktion ihrer Geschichte seit dem Chartismus. In diesem Jahr brach der Streik der Bergarbeiter*innen, dem Herz der britischen Arbeiter*innenklasse, gegen die Absicht der Förderfirma los, die Arbeitszeiten zu verlängern und die Löhne zu senken. Im Mai beschloss die Konferenz der Gewerkschaftsverbände, einen Generalstreik zur Unterstützung der Bergarbeiter*innen auszurufen. Nach neun Tagen Generalstreik beschloss die Führung der Trade Unions unter Druck der konservativen Regierung, den Solidaritätsstreik zu beenden. Die Bergleute streikten das ganze Jahr über weiter. Im November jedoch, vom Rest der Arbeiter*innenbewegung isoliert, wurde der Streik niedergeschlagen, mit einer nachfolgenden Welle von Entlassungen, Lohnsenkungen, Verlängerung der Arbeitszeiten und einem gesetzlichen Verbot von Solidaritätsstreiks und Streikposten.

Das anglo-russische Komitee, das bis zum Generalstreik eine progressive Rolle gespielt hatte, was den Vormarsch der britischen Kommunist*innen erlaubt hatte, wurde aufrechterhalten, auch nachdem die Bürokratie ihren Verrat bewerkstelligt und den Generalstreik abgeblasen hatte. Gramsci und Trotzki zogen beinahe umgekehrte Schlussfolgerungen daraus.

Von dem Moment an, als die Führung der Trade Unions den Bergarbeiter*innenstreik verraten hatte, indem sie den Generalstreik beendete, hätte laut Trotzki das anglo-russische Komitee sofort aufgelöst werden müssen. Indem die Kommunistische Internationale dies nicht tat, fing sie an, eine reaktionäre Rolle zu spielen. Sie deckte den Verrat der „linken“ Bürokratie mit der Legitimität der Kommunist*innen und liquidierte somit den möglichen Aufstieg der britischen Kommunistischen Partei.

Gramsci seinerseits zielte in die entgegengesetzte Richtung. Im späten August des Jahres 1926, nachdem der Bergarbeiter*innenstreik bereits Monate andauerte und der Verrat des TUC bereits vollzogen war, plädierte er für die Notwendigkeit, das anglo-russische Komitee weiterhin zu unterstützen: „Ich denke, dass trotz der Unentschlossenheit, Schwäche und, wenn man so will, des Verrats der englischen Linken während des Generalstreiks, das englisch-russische Komitee beibehalten werden sollte, denn es ist der geeignetste Boden, um nicht nur die englische Gewerkschaftswelt, sondern auch die Gewerkschaften in Amsterdam27 zu revolutionieren. In einem einzigen Fall sollte es zu einem Bruch zwischen den Kommunist*innen und der englischen Linken kommen: Wenn sich England an der Schwelle der proletarischen Revolution befände, mit unserer Partei stark genug, um allein den Aufstand anzuführen“28.

Auf diese Weise scheint Gramsci die Einheitsfront-Taktik, nicht als Taktik, sondern als Strategie oder als permanente Taktik bis zur „Schwelle der proletarischen Revolution“ anzusehen.

Während jedoch Gramsci an der Kontinuität des anglo-russischen Komitees nach dem Verrat des Streiks festhält, präsentiert er als Schlüsselpunkt die Notwendigkeit, dass der britische Kommunismus „ein Programm der demokratischen Neuordnung der Trade Unions“ erhebt. Eine Reorganisation der Gewerkschaften, die „unter der Führung unserer Partei, den Sinn und die Bedeutung einer echten Keimzelle sowjetischen Typs, hätte.“29

Trotzki zog diese Möglichkeit ebenfalls in Betracht. Im hypothetischen Fall einer im Parlament gebildeten „Arbeiter*innenregierung“ wies er darauf hin, dass diese „auf parlamentarischem Wege gebildete Arbeiterregierung […] gezwungen [wäre], neue revolutionäre Organe aufzubauen, sich auf die Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen überhaupt zu stützen. Ein solches Vorgehen hätte zu einer ungewöhnlichen Steigerung der Aktivität und des Unabhängigkeitsbewusstseins der Arbeitermassen geführt. Auf dem Boden des unmittelbaren Kampfes mit den ausbeutenden Klassen hätten sich die Trade Unions nicht nur in ihren Spitzen, sondern auch in ihren untersten Schichten eng zusammengeschlossen, und sie wären notwendig in die Lage versetzt, örtliche Delegiertenversammlungen, d. h. Arbeiterräte, zu bilden.30 Wie wir sehen, lag der Unterschied zwischen beiden Revolutionären nicht in der Perspektive über die Möglichkeit, dass in Zukunft „Räte“ entstehen könnten, indem die Gewerkschaften in Großbritannien revolutioniert werden31.

Im Gegenzug gab es wichtige Berührungspunkte in Bezug auf die Charakterisierung der Rolle der Bürokratie. Auf diese Frage geht Gramsci nicht nur in seinen politischen Schriften, sondern auch in den Gefängnisheften ein, wo er bezüglich des „Cäsarismus“ sagt, dass er nicht danach streben kann, alle Klassen zu vertreten. Jedoch könne er mittels verschiedener Vermittlungsinstanzen (Parteien und Gewerkschaften) Herrschaftsformen finden, nicht nur durch das Heer. „Die moderne politische Technik hat sich nach (18)48 vollständig geändert, nach der Ausbreitung des Parlamentarismus, des Regimes der Gewerkschafts- und Parteivereinigungen, der Herausbildung umfassender staatlicher und ‚privater‘ (privat-politischer, Partei- und Gewerkschafts-) Bürokratien und den Veränderungen in der Organisation der Polizei im weiten Sinn, das heißt nicht nur des für die Unterdrückung der Kriminalität bestimmten staatlichen Dienstes, sondern der Gesamtheit der vom Staat und den Privatleuten organisierten Kräfte für den Schutz der politischen und wirtschaftlichen Herrschaft der führenden Klassen. In diesem Sinn müssen ganze ‚politische‘ Parteien und andere Organisationen wirtschaftlicher oder anderer Art als Organismen politischer Polizei mit Untersuchungs- und Vorbeugungscharakter angesehen werden.“32

Doch während Gramsci die Rolle der Arbeiter*innenbürokratien in ihrer Charakterisierung entwickelte, finden wir in den Ausarbeitungen Trotzkis auch eine klare Strategie (und Taktik), um sie zu bekämpfen.

Bürgerliche Demokratie und Arbeiter*innenbewegung: „materielle Kraft“ und „moralische Kraft“

Für Gramsci bestanden die Bedingungen, um die Gewerkschaften mit einer Räteperspektive zu revolutionieren, aus: „1) die englischen Arbeiter vom Einfluss der Gewerkschaftsbürokratie zu lösen; 2) den in der Labour Party von der Partei MacDonalds33 (ILP) ausgeübten Einfluss zu verringern, die heute eben als lokale Zentralisierungskraft bei der gewerkschaftlichen Zermahlung fungiert; 3) ein Umfeld zu schaffen, das es den organisierten Elementen unserer Partei ermöglicht, Einfluss auf die englischen Arbeitermassen zu nehmen“34.

Das heißt, für Gramsci ging es auf der einen Seite darum, für die Demokratisierung der Gewerkschaften sowie für den Ausbau des Einflusses der Kommunist*innen in Großbritannien zu kämpfen. Aber auf der anderen Seite war die Bedingung dafür, wie wir bereits feststellten, die Aufrechterhaltung einer Art permanenten Einheitsfront bis zum Übergang in die Offensive. Dies bestand darin, das anglo-russische Komitee aufrechtzuerhalten, um die Einheitsfront zwischen Kommunist*innen mit den „linken“ Sektoren des Labourismus trotz des Verrats des Streiks von 1926 aufrechtzuerhalten.

Für Trotzki waren diese beiden Aspekte, die Gramsci unter der gleichen Politik subsumieren wollte, widersprüchlich. Es war nicht möglich, eine dauerhafte Einheitsfront aufrechtzuerhalten, noch weniger außerhalb der wichtigsten Ereignisse des Klassenkampfes. Der Bruch des anglo-russischen Komitees und der Kampf gegen die verräterische Bürokratie war die unerlässliche Bedingung für die Ausdehnung des Einflusses der Kommunist*innen, um sich mit den Sektoren der Arbeiter*innenbewegung zu vereinigen, die den Streik in Solidarität mit den Bergleuten weiterführen wollten. Darin bestand der wahre Kern der Einheitsfronttaktik. Nur auf dieser Grundlage könnte die Demokratisierung der Gewerkschaften entwickelt und „sowjetische“ Tendenzen belebt werden. In diesem Zusammenhang konnte der Bruch der „Bewegung der Minderheit“ mit der linken Bürokratie der Labourpartei nur die Verantwortung von Purcell und Co. sein35.

Es handelt sich um zwei Ansätze, die Gemeinsamkeiten haben und doch strategisch entgegengesetzt sind. Gramsci scheint auf zwei parallel laufenden Schienen zu fahren: auf der einen geht es um das Ergebnis des Generalstreiks; auf der andere um den Fortschritt in der Entwicklung der Arbeiter*innenorganisation und sogar um die Möglichkeit von Rätetendenzen (Doppelmacht). Dies geschieht in dem Kontext, als die Hauptaufgabe, die die Labour-Führung sich während des Streiks gegeben hatte, darin bestand, den politischen Charakter des Streiks zu leugnen und ihn als eine rein gewerkschaftliche Angelegenheit darzustellen. Die Reorganisierung der Arbeiter*innenbewegung und der Kampf gegen den bürgerlichen Staat scheinen in seinem strategischen Denken auf parallelen Schienen zu verlaufen, ähnlich wie im Falle der verfassungsgebenden Versammlung und den Räten, wie wir im Falle Italiens bereits gesehen haben.

Demgegenüber argumentierte Trotzki: „Am Beispiel Englands sieht man sehr klar, wie absurd es ist, Gewerkschaftsorganisation und Staat als zwei verschiedene Prinzipien abzulehnen.“36 Weiter: „Die Gewerkschaftsbürokratie ist das Hauptinstrument für eure Unterdrückung durch den bürgerlichen Staat“37, und er fügte hinzu:

Gäbe es keine Bürokratie in den Gewerkschaften, dann würden die Polizei, die Armee, die Gerichte, die Lords, die Monarchie den proletarischen Massen als bemitleidenswerte und lächerliche Spielzeuge erscheinen. Die Bürokratie der Gewerkschaften ist das Rückgrat des britischen Imperialismus.38

In der Tat wurde der Verrat des Labourismus, der die Niederlage der Arbeiter*innenbewegung mit sich brachte, mit der Übernahme der Regierung zwei Jahre später „belohnt“, als er mit der Rettung der Bourgeoisie angesichts der Krise von ’29 beauftragt wurde. Die Schlussfolgerung ist, dass die Unterstützung des anglo-russischen Komitees nach dem Verrat von Labour den Versuch der „reformistischen Lösung des Problems des Staates (linke Regierung)“39 verwirklichte, vor dem Gramsci selbst gewarnt hatte.

Die Illusionen in die bürgerliche Demokratie spielen eine ähnliche Rolle für die Bourgeoisie wie die Clausewitzsche „moralische Kraft“. Der preußische General misst dieser Kraft höchste Bedeutung zu. Im Vergleich zur „physischen Kraft“ sagt er: „das Physische erscheint fast nur wie das hölzerne Heft, während die moralischen das edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe sind“40. Doch im Kampf, wenn es zum Kräftemessen kommt, gibt es keine zwei „Elemente“, die in der Realität getrennt werden können, denn es handelt sich um „ein Abmessen der geistigen und körperlichen Kräfte vermittelst der letzteren,“41 das heißt, durch die materiellen Kräfte. Daher die Wichtigkeit der Bürokratie im Inneren der Arbeiter*innenbewegung als „materielle Kraft“, die die Illusionen in die bürgerliche Demokratie im „Westen“ verkörpert.

Für Trotzki hatte die Arbeiter*innenbewegung keine Möglichkeit, irgendeinen ernsthaften Kampf, auch demokratischer Natur, wie etwa den Kampf gegen die Monarchie, zu führen, ohne sich der Gewerkschaftsbürokratie entgegenzustellen. Noch weniger sei es möglich, den Einfluss der Kommunist*innen losgelöst von diesem Kampf zu erweitern, wie es Gramsci postulierte. Das Beispiel Großbritannien bestätigt dies: Nachdem die Kommunistische Partei ihren Einfluss erheblich ausgedehnt hatte, büßte sie ihn ein und führte ihr Randdasein fort.

Kommen wir zurück zu unserer Ausgangsfrage: Wie drückt sich also in der Defensive eine progressive Dynamik zwischen der Gründung einer Einheitsfront der Klasse gegen die Bourgeoisie und der Stärkung des Einflusses der Revolutionär*innen aus, um in die Offensive zu gehen?

Trotzki beantwortet dies im Falle Großbritanniens damit, dass der linke Flügel von Labour („zentristisch“), „den Versuch der Wiedergeburt des Zentrismus innerhalb der sozialimperialistischen Partei MacDonalds“ bedeutete. „Die Kommunistische Partei kann umgekehrt nur dann an die Spitze der Arbeiterklasse gelangen, wenn die Arbeiterklasse in unüberbrückbaren Gegensatz zur konservativen Bürokratie in den Trade Unions und der Arbeiterpartei gelangt. Die Kommunistische Partei kann sich auf die Führung der Arbeiterklasse nur durch die erbarmungslose Kritik der gesamten Leiter der englischen Arbeiterbewegung, nur durch tägliche Enthüllung ihrer konservativen, antiproletarischen, imperialistischen, monarchistischen Lakaienrolle auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und der Klassenbewegung vorbereiten.“42

Verbündete: bürgerliche Hegemonie und proletarische Hegemonie

Bisher haben wir die verschiedenen Aspekte gesehen, die der Verteidigung zu Eigen sind, und die weit über ein einfaches negatives Ziel, etwa den „Schlag abzuwehren“, hinausgehen. Um die wesentlichen Elemente des Konzepts zu vervollständigen, bleibt uns noch, einen der Schlüsselaspekte zu betonen: den Gegenangriff. Clausewitz schrieb: „Dieser Übergang zum Rückstoß [muss] als eine Tendenz der Verteidigung, also als ein wesentlicher Bestandteil derselben gedacht werden“43. Und er fügte hinzu: „Ein schneller, kräftiger Übergang zum Angriff – das blitzende Vergeltungsschwert – ist der glänzendste Punkt der Verteidigung“44.

Aus der Sicht der Bedingungen für den Gegenangriff, haben wir bereits den Punkt über die Entwicklung der notwendigen Mittel behandelt. Auf der einen, wichtigsten Seite die Aufstellung der revolutionären Kraft der Arbeiter*innenklasse, von der defensiven Einheitsfront bis zur offensiven Einheitsfront der Räte, angeführt von einer revolutionären Partei. Auf der anderen Seite erwähnten wir die „Festungen“, die „Bollwerke der Arbeiter*innendemokratie im bürgerlichen Staat“, wie Trotzki sagen würde, oder „Schützengräben“ oder „Kasematten“, um es mit Gramsci zu sagen, die wir bereits eingehender bezüglich der Offensive in einem weiteren Artikel behandelten45.

Es bleibt ein drittes Schlüsselelement zu behandeln: die Verbündeten. Für Clausewitz besteht dieses dritte „Angriffsmittel“ im „Beistand des Volkes“. So schreibt er: „Der Beistand des Volkes läßt sich mit dem Angriff in solchen Fällen verbunden denken, wo die Einwohner dem Angreifenden mehr zugetan sind als ihrem eigenen Heere”46. Diesem Element Rechnung tragend, wurde ursprünglich im russischen Marxismus Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Konzept der gegemonya entwickelt, das (entsprechend der Interpretationen mit vielen Nuancen) die Notwendigkeit für die revolutionäre Arbeiter*innenklasse ausdrückte, die Führung über ein Bündnis mit der armen Bauernschaft zu erobern47.

Perry Anderson weist darauf hin, dass es ein sehr produktiver und entscheidender Schritt von Gramsci war, den Begriff der Hegemonie von dieser ursprünglichen Verwendung „auf die Mechanismen der bürgerlichen Herrschaft über die Arbeiterklasse in der stabilisierten kapitalistischen Gesellschaft“ (bürgerliche Hegemonie) auszuweiten. Jedoch ergänzt er: „Der Übergang von der einen zur anderen Verwendung des Begriffs wurde durch ein Ensemble kategorialer Maximen vermittelt, die im Prinzip auf beide anwendbar waren. Das Ergebnis bestand in einer scheinbar formalen Abfolge von Aussagen über das Wesen der Macht in der Geschichte“48.

Die philologischen Grundlagen in Gramscis Werk über diese Aussage wurden von den späteren Studien über die Gefängnishefte breit kritisiert49. Für die Zwecke dieses Artikels werden wir uns auf die Kritik konzentrieren, die Peter Thomas an Anderson macht, allen voran beim vorgeschlagenen Lösungsansatz. Thomas kritisiert scharf die Argumentation von Anderson: „Wir können beobachten, dass der Ausgangspunkt von Gramsci“, behauptet Thomas, „ausdrücklich nicht die vorrevolutionäre Formulierung des Begriffs der Hegemonie war […]. Eines der großen Verdienste des Buches ‚Antonio Gramsci: Eine kritische Würdigung‘ bestand darin, dass es die Sorge um Gramscis Theorie der Hegemonie auf die Wurzel der bolschewistischen Erfahrung […] lenkte. Anderson verstand jedoch die ‚differentiale Zeitlichkeit‘ des wahren historischen Bezugs von Gramsci falsch“50.

Für Thomas ist die wahre Referenz die NEP (Neue Ökonomische Politik)51, die die Bolschewiki an der Macht implementierten, um die tiefe soziale und wirtschaftliche Krise zu bewältigen, die Russland nach dem Bürgerkrieg heimgesucht hatte. Sie bestand aus der partiellen Wiederherstellung der Handelsfreiheit und der Geldwirtschaft, womit ein Markt geschaffen werden sollte, um die Produktion in der Landwirtschaft und der Industrie anzukurbeln. Laut Thomas erstreckt Gramsci den Begriff der „Hegemonie“ auch auf den bürgerlichen Staat, als er die Rolle der Hegemonie (oder deren Fehlen) innerhalb des Arbeiter*innenstaates beobachtet.

Am Ende des Artikels werden wir auf diese Interpretation von Thomas über das Konzept der „Hegemonie“, die sich in der NEP ausdrückt, und ihre Konsequenzen und Probleme zurückkommen. Hier wollen wir hervorheben, dass, obwohl die Referenz für Gramsci tatsächlich die NEP ist, Thomas es nicht schafft, das Problem zu lösen, auf das Anderson gegenüber den verschiedensten Interpret*innen der Gefängnishefte aufmerksam machte, nämlich, dass das Konzept der Hegemonie bei seiner Verallgemeinerung eine grundlegende Eigenschaft verlieren kann, die es in seiner vorrevolutionären Bedeutung hatte: dass die Revolution ihr zu erfüllendes Ziel war, und nicht ihre Bedingung, wie im Falle der NEP, nach der Machtübernahme.

Wahr ist, dass für Gramsci, wie die Gefängnishefte (zum Beispiel, seine Analysen des „dritten Momentes“ des militärischen Kräfteverhältnisses52) und der Bericht von Athos Lisa über seine Bedenken über die militärischen Aspekte des Aufstandes während seiner Haft53 zeigen, die Möglichkeit der „Neutralisierung“ des bürgerlichen Staatsapparates ohne Revolution, welche Thomas suggeriert, eindeutig kein Teil seiner Perspektive war54.

Sehen wir nun, wie Trotzki die Problematik der Artikulation zwischen Hegemonie (jedoch beinah ohne den Begriff zu verwenden) und Revolution in ihrem strategischen Aspekt (Übergang zum Gegenangriff, revolutionäre Offensive) entwickelt.

Bürgerliche Demokratie und Verbündete des Proletariats: „materielle Kraft“ und „moralische Kraft“

Wie wir bereits im Laufe diesem Artikel gesehen haben, misst Trotzki dem radikaldemokratischen Programm und den demokratischen Losungen große Bedeutung zu. Im Allgemeinen verstand er sie als Instrument zur Untergrabung der bürgerlichen Hegemonie und der Eroberung der Hegemonie des Proletariats. Gleichzeitig bekämpfte er die Illusionen in die bürgerliche Demokratie.

Obwohl, wie bereits erwähnt, Anderson nicht behauptet, dass Trotzki im allgemeinen die Hegemonie der Diktatur des Proletariats entgegensetzt (wie von Thomas behauptet wird), äußert er in seinem Buch Über den westlichen Marxismus Kritik gegenüber Trotzkis Positionen während der zweiten Hälfte der 30er Jahre. „Um die Besonderheit des faschistischen Staates als des schlimmsten Todfeindes der Arbeiterklasse theoretisch zu erfassen, mußte Trotzki natürlich Elemente einer Gegentheorie des bürgerlich-demokratischen Staates liefern, um den Gegensatz zwischen beiden Formen klären zu können. Daher enthalten seine Schriften auch mehr inhaltliche Aussagen über die bürgerliche Demokratie als die seiner Vorgänger. Dennoch hat Trotzki nie eine systematische Darstellung der bürgerlichen Demokratie entwickelt. Das Fehlen einer solchen Theorie scheint sich auf seine politischen Einschätzungen nach dem Sieg des Nazismus bestimmend ausgewirkt zu haben.“55 Und insbesondere bezeichnet Anderson als Irrtümer Trotzkis theoretischer Entwicklung, dass „während seine Aufsätze über Deutschland die zwingende Notwendigkeit hervorheben, das Kleinbürgertum für ein Bündnis mit der Arbeiterklasse zu gewinnen (er führt das Beispiel des Blocks gegen Kornilow in Rußland an), taten diese die traditionelle Organisation des französischen Kleinbürgertums, die radikale Partei, als Partei des ‚demokratischen Imperialismus‘ ab, die prinzipiell von jedem antifaschistischen Bündnis auszuschließen“ sei.

Eigentlich kritisiert Anderson Trotzkis Weigerung, die „Mittelschichten“ mit ihren traditionellen Repräsentationen zu identifizieren. Anderson will dies mit dem „Beispiel des Blocks gegen Kornilow“ kontrastieren. Jedoch ist gerade die Politik der Bolschewiki in Russland ein positives Beweis dessen, was die Volksfronten in Frankreich und dem Spanischen Staat als negativen Beweis darstellten.

Im Falle der russischen Revolution ging es darum, Kornilow zu besiegen, und darum, dass die Massen ihre Erfahrungen mit Kerenski vollenden konnten. Während der Bolschewismus auf der militärischen Seite der provisorischen Regierung stand, lag der Schlüssel darin, dieser keinerlei politische Unterstützung zu geben, und jene militärische „Zusammenkunft“ für die Bewaffnung des Proletariats auszunutzen. Und so kam es, dass im September, als der Putsch besiegt worden war, die Bauernpartei (Sozialrevolutionäre) in der Person von Kerenski, Repression gegen gewaltsame Landbesetzungen einsetzte. Die Tatsache, dass die Bauernschaft offen ihre traditionelle Führung konfrontierte, war ein grundlegender Faktor, um die Reife der subjektiven Bedingungen zu beurteilen, um in die Offensive für die Machtergreifung zu gehen.

Im Falle der Mittelschichten, obgleich es Unterschiede zur Arbeiter*innenbewegung gibt, funktionieren die Illusionen in die bürgerliche Demokratie auch nicht im luftleeren Raum. Sie äußern sich in Organisationen und Parteien, in „moralischen Kräften“ in Worten von Clausewitz, die zu „materiellen Kräften“ innerhalb der Klassen werden. Daher argumentierte Trotzki, im Gegensatz zu Anderson, dass die Allianz mit dem Kleinbürgertum nicht ohne einen unerbittlichen Kampf gegen ihre traditionellen Führungen geschehen konnte.

Wie Trotzki über die französischen sozialdemokratischen Anführer*innen schrieb, die zusammen mit den Stalinist*innen die französischen Volksfront gemeinsam mit der Radikalen Partei (eine kolonialistische Partei, traditionelle Vermittlungsinstanz der Mittelschichten) bildeten: sie „[…] bilden sich ernsthaft ein, ein Bündnis mit den Radikalen sei ein Bündnis mit den ‚Mittelklassen‘ und somit eine Schranke gegen den Faschismus. Diese Leute sehen nichts als die parlamentarischen Schatten. Sie haben keine Ahnung von der wirklichen Entwicklung der Massen und jagen der überlebten radikalen Partei nach, die ihnen unterdessen die Rückseite zugekehrt hat. Sie glauben, in der Epoche einer großen sozialen Krise könne man das Bündnis mit den in Fluss gekommenen Massen durch einen Block mit der kompromittierten und dem Untergang geweihten parlamentarischen Clique ersetzen. Das wirkliche Bündnis des Proletariats mit den Mittelklassen ist nicht eine Frage der parlamentarischen Statik, sondern der revolutionären Dynamik. Dies Bündnis gilt es zu schaffen, im Kampf zu schmieden56.

Wie kommt es zu dieser revolutionären Dynamik? Auch in Wohin geht Frankreich? beschreibt Trotzki dies eingehend: „Die Faschisten zeigen sich kühn, gehen auf die Straße, greifen die Polizei an, versuchen mit Gewalt das Parlament auseinanderzujagen. Das imponiert dem in Verzweiflung verfallenen Kleinbürger. […] Parlamentarische Routiniers, die sich für Kenner des Volkes halten, pflegen immer wieder zu sagen ‚Man darf die Mittelklassen nicht mit der Revolution schrecken, sie lieben das Extreme nicht‘. In solch allgemeiner Form ist diese Behauptung vollkommen falsch. Natürlich ist der Kleineigentümer für die Ordnung, solange seine Geschäfte leidlich gehen und solange er hofft, dass sie morgen besser gehen werden. Ist aber diese Hoffnung dahin, so gerät er leicht in Wut und ist bereit, auf die extremsten Maßnahmen einzugehen. […] Damit das Kleinbürgertum sich ihm anschließe, muss das Proletariat sich sein Vertrauen erkämpfen. Dazu aber muss es der eigenen Kraft vertrauen. Erforderlich ist ein klares Aktionsprogramm und die Bereitschaft, mit allen verfügbaren Mitteln um die Macht zu kämpfen. Fest verbunden von der revolutionären Partei zum entscheidenden und unerbittlichen Kampfe, spricht das Proletariat zum Bauern und zum kleinen Mann der Stadt: ‚ich kämpfe um die Macht; hier ist mein Programm; ich bin bereit, mich mit euch über Änderungen an diesem Programm zu verständigen; Gewalt werde nur gegen das Großkapital und seine Lakaien anwenden, mit euch aber, die ihr von der eigenen Arbeit lebt, will ich ein Bündnis schließen auf Grund eines bestimmten Programms‘.“57

Für Trotzki ist die Fähigkeit des Proletariats, eine Allianz mit Sektoren der „Mittelklassen“ anzuführen, keine Frage von Deklarationen des „guten Willens“ und des „Enthusiasmus“, sondern eine Frage des Kräfteverhältnisses, das nie außerhalb des Klassenkampfes bestimmt werden kann. Wie Clausewitz feststellte: „Ferner ist die Mitwirkung der Bundesgenossenschaft nicht von dem Willen der Kriegführenden abhängig, und es liegt in der Natur der Staatenverhältnisse, daß sie häufig erst später eintritt oder sich verstärkt zur Herstellung des verlorenen Gleichgewichts.“58

Dies ist, was passiert, wenn eine tiefe Krise ausbricht. Daher hängt für Trotzki die Wahrscheinlichkeit, ein Bündnis mit den verarmten Mittelschichten einzugehen, sowohl von einem Programm ab, das alle ihre fortschrittlichen historischen Bedürfnisse ausdrückt, als auch von der Unabhängigkeit des Proletariats gegenüber allen Klassen, um so Initiative und Entschlossenheit zu entfalten. Deshalb legt Trotzki besonderen Nachdruck auf die Entwicklung von Organen der Selbstorganisation und misst den Arbeiter*innenmilizen eine Schlüsselrolle zu. Ansonsten wenden sich die Mittelschichten, wie es 1933 in Deutschland geschah, dem Faschismus zu. Zu einem gewissen Zeitpunkt ist es nämlich das Ziel der Zwischenklassen, „das verlorene Gleichgewicht wieder herzustellen.“ Sollte das Proletariat Unentschlossenheit im Moment des Gegenangriffs zeigen und keinen „schnellen, kräftigen Übergang zum Angriff“ vollziehen, hat dies fatale Auswirkungen.

Stärke/Kraft und Konsens

Wie wir sehen, hat die Eroberung der Hegemonie des Proletariats neben politisch-ideologischen und programmatischen Elementen (sowohl die Losungen der radikalen Demokratie, wie diejenigen demokratischen Losungen, die sich auf strukturelle Probleme der Nation beziehen, welche Trotzki in der Theorie der Permanenten Revolution und Gramsci in seinen Thesen von Lyon hervorheben), für Trotzki auch einen strategischen Aspekt, und zwar einen entscheidenden, der die Frage der materiellen Stärke und der revolutionären Entschlossenheit betrifft, die die Arbeiter*innenklasse gegen die Bourgeoisie zu zeigen vermag.

In Zeiten des Bruches des Gleichgewichtes (revolutionäre Situationen), in dem Maße, wie die Kapitalist*innen die Korrelation zwischen Zwang und Konsens ihrer Herrschaft verändern, muss die Arbeiter*innenklasse dies ebenfalls tun. Es geht darum, „daß er [die Arbeiter*innen] den Gegner immer im Auge behalte, damit er nicht, wenn dieser zum scharfen Schwerte greift, ihm mit einem Galanteriedegen entgegentrete“59, um es mit Clausewitz zu sagen.

An dieser Stelle gilt zunächst zu klären, wie die genaue und dynamische Beziehung zwischen Konsens und Zwang in den bürgerlichen Machtstrukturen in den zu analysierenden „westlichen“ Szenarien verfasst ist. Der reformistische Ansatz und die gängige Vorstellung, die die Bourgeoisie zu vermitteln versucht, ist, dass Herrschaft in dieser Art von Staat hauptsächlich einvernehmliche Formen annimmt, im Wesentlichen durch verschiedene Arten von kulturellen Mechanismen. Heute gibt es mehrere beliebte Ansätze dieser Art, manche relativ hoch entwickelt wie die von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, welche auf der Grundlage der „Dekonstruktion“ bzw. besser der „Zerstörung“ von Gramscis Werk operieren60, bis hin zu vulgären Positionen, die sogar den Sinn für Humor auf die Probe stellen, im Stil von Pablo Iglesias, welcher empfehlt, nicht mit dem Staat zu „boxen“, sondern mit ihm „Schach zu spielen“61.

Perry Anderson stellt sich die Frage nach dieser Beziehung zwischen Zwang und Konsens in Gramscis Werk. In seiner Antwort bezieht er sich auf die Metapher des Zentaurs (halb Mensch, halb Tier), die Gramsci Machiavelli entlehnt, um diese Beziehung zu erklären. Daher wird in den Gefängnisheften eine Reihe von Gegensätzen aufgemacht: Gewalt-Konsens, Herrschaft-Hegemonie, Gewalt-Zivilisation. Indem keine eindeutige Beziehung zwischen diesen Begriffspaaren in Bezug auf die kapitalistischen Staaten „westlichen“ Typs festgelegt wird, bewertete, so Anderson, Gramsci wie Macchiavelli eines beider Elemente über. Im Falle des Florentiners hätte er die „tierische Hälfte“ überwertet, sprich den Zwang. Dies wäre auch die Erklärung dafür, wieso seit Generationen im „common sense“ der Begriff „machiavellistisch“ als Synonym für List und Tücke benutzt werde.

Im Falle Gramscis sei es das Gegenteil. „Gramsci übernahm Machiavellis Mythos vom Zentauren als emblematisches Motto seiner Forschungen: aber wo Machiavelli den Konsens letztlich dem Zwang geopfert hatte, wurde bei Gramsci der Zwang zunehmend vom Konsens an die Wand gespielt. Il principe und Il principe moderno sind in diesem Sinne Zerrbilder voneinander. Zwischen den Irrtürmern der beiden Werke besteht eine untergründige Wechselbeziehung.“62

Anderson weist auf seine eigene Antwort auf die Beziehung zwischen Zwang und Konsens im „westlichen“ Kapitalismus hin. Dabei betont er, gegen alle reformistischen Deutungen, die Bedeutung der gewaltsamen Konfrontation auch in den „westlichen“ Ländern. Dazu greift er auf eine Bemerkung von Gramsci aus seinem ersten Heft über „gemischte Kampfformen“ auf, die „von grundlegend militärischem und überwiegend politischem Charakter“ sind63. Indem er diese Unterscheidung auf die bürgerlichen „westlichen“ Staaten überträgt, weist Anderson auf folgendes hin: „In den ruhigsten Demokratien kann die Armee heute unsichtbar hinter den Kasernenmauern bleiben, die Polizei friedlich Streife gehen.“ Unter diesen Voraussetzungen „bleibt unter der im parlamentarischen System ‚überwiegenden‘ kulturellen Spitze die Gewalt die ‚fundamentale‘ Stütze der bürgerlichen Klassenmacht64.

Er fügt hinzu: „Denn historisch […] verschiebt die Entwicklung jeder revolutionären Krise notwendigerweise die Dominanz innerhalb der bürgerlichen Machtstruktur von der Ideologie zur Gewalt. Der Zwang wird determinierend und dominant, wenn sich die Krise dem Höhepunkt nähert, und die Armee tritt in jedem Klassenkampf […] muß jede revolutionäre Krise in einem fortgeschrittenen kapitalistischen Land unweigerlich einen Umschwung hin zur letztlichen Determinante des Machtsystems hervorbringen: zur Gewalt“65.

Jenseits dieser illustrativen Art und Weise der Artikulation von Anderson kritisiert Peter Thomas – und nicht als Einziger – die Grundlage der Interpretation von Gramsci über die Metapher des Zentauren. Thomas wirft ihm vor, Gramscis Gedanken zu vulgarisieren, indem er seine Reflexion in mehr oder weniger mechanische Gegenüberstellungen verwandelt66. Dazu geht Thomas zum Text zurück und zitiert Gramsci: „Manche haben die Theorie der ‚Doppelperspektive‘67 [bezogen auf den Zentauren, halb Tier, halb Mensch] auf etwas Beschränktes, Banales reduziert, auf nichts weiteres nämlich als auf zwei Formen von ‚Unmittelbarkeit‘, die mechanisch mit größerer oder geringerer ‚Nähe‘ in der Zeit aufeinander folgen.“68

Wir sind nun daran interessiert, vor allem für die Zwecke dieses Artikels und der strategischen Reflexion, was Thomas von Gramsci bezüglich der Tatsache aufnimmt, dass „Zwang“ und „Konsens“ nicht zwei Formen sind, die „mechanisch aufeinander folgen“. Tatsächlich liegt hier die Beschränkung der Sicht von Anderson darüber, dass in Zeiten revolutionärer Krise eine „plötzliche Umkehr“ stattfindet, in der die bürgerlich-demokratische Ideologie einen „Nicht-Ort“ besetzt, und „sofort“ durch Gewalt ersetzt wird.

Daher bezeichnet Anderson in seinem Buch über Gramsci die Kontroverse um die Einheitsfront als die „letzte große strategische Debatte“, unter Umgehung ohne weiterer Erwähnung der „Debatte“ über die Volksfront, die in den wichtigsten Niederlagen des Proletariats des „Westens“ im Mittelpunkt der Politik stand. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist es nicht weiter verwunderlich, dass er, wie wir sahen, ein völliges Unverständnis zeigt, wenn er Trotzki seine Kritik an der Volksfront in Frankreich unter Beteiligung der Radikalen Partei vorwirft.

Die grundlegende Frage, die Anderson übersieht, ist, dass die Illusionen in die bürgerliche Demokratie und den Parlamentarismus nicht „plötzlich“ in Situationen der revolutionären Krise im „Westen“ verschwinden. Sondern, wie wir in diesem zweiten Teil des Artikels gesehen haben, es handelt sich um eine strategische Arbeit gegen ihre wichtigsten Agenten, die Arbeiter*innenbürokratien (politischer und gewerkschaftlicher Natur) sowie gegen die kleinbürgerlichen „demokratischen“ Parteien. Dieser Aspekt ist zweifelsohne, zusammen mit den daraus abhängigen Entwicklungen, einer der wichtigsten Beiträge Trotzkis zur revolutionären Strategie im „Westen“.

Dasselbe kann man zum Aspekt der Gewalt sagen. Auch hier gibt es keine „plötzliche Umkehr“, die genau zum Zeitpunkt der revolutionären Krise auftritt. Das Auftauchen der wichtigsten Elemente von „Zwang“, ob staatlicher oder parastaatlicher (faschistische Banden) Natur geschieht im Vorfeld. Daher betont Trotzki, wie bereits erwähnt, die Notwendigkeit der Entwicklung von Mitteln zur Selbstverteidigung (Milizen); im Falle Frankreichs, lange vor der revolutionären Krise vom Juni ’36.

Bürgerliche Hegemonie und revolutionäre Krise

Ernest Mandel kritisierte Trotzki für etwas Ähnliches wie das, was wir gerade verteidigt haben. Wir sagten, dass dem Gründer der Roten Armee das Verdienst zukommt, strategische Lehren aus der Tatsache zu ziehen, dass Illusionen in die bürgerliche Demokratie und den Parlamentarismus nicht unmittelbar und sofort in revolutionären Krisensituationen rückgängig gemacht werden. Mandel stellt beinahe unsere Aussage auf den Kopf, indem er dies als einen Nachteil bezeichnet. Laut Mandel sieht Trotzki „Revolutionen“ da, wo es keine gibt, wenn er sagt, dass in den „westlichen“ Gesellschaften eine revolutionäre Krise stattfinden kann, ohne dass es zu einer terminalen Krise der Illusionen in die bürgerliche Demokratie unter den Massen kommt69. Insbesondere führte er als Beispiel Frankreich ’36 an, das auch wir erwähnt haben.

Grundsätzlich schiene es so, als ob wir von der gleichen Feststellung ausgehen würden, und zwar: Während der großen Streikwelle und Fabrikbesetzungen, die in Frankreich im Juni ’36 stattfanden, galten nach wie vor die bürgerlich-demokratischen Illusionen, und sie waren in jeder Hinsicht von immenser Bedeutung. Jedoch haben wir Differenzen darüber, ob wir von einer Revolution – wie es Trotzki tat – sprechen sollten oder nicht. Die Erklärung von Mandel ist: „Als Trotzki behauptete, ‚die französische Revolution hat begonnen‘, wollte er nicht einfach sagen, ‚hoffentlich hat die französische Revolution begonnen‘, sondern auch ‚Revolutionäre können und müssen in solchen Generalstreiks intervenieren, sodass er zu einer Revolution wird‘70. Er fügt hinzu: „Trotzki selbst revidierte seine Meinung, als er später über die Ereignisse vom Juni ’36 sprach und meinte, es sei eine bloße Karikatur der Februarrevolution in Russland gewesen“71.

Beide Argumente wären schlagkräftig, wenn sie Trotzkis Sicht wiederspiegeln würden, jedoch ist dies nicht der Fall. Als Trotzki von „Karikatur“ sprach, bezog er sich nicht auf den Prozess vom Juni 1936, sondern auf die französische Volksfront. „Die Volksfronten in Europa sind“, sagte er, „nur eine schwache Nachahmung, und oft eine Karikatur der russischen Volksfront von 1917, die immerhin mehr gute Gründe hatte ihre Existenz zu rechtfertigen, da der Kampf gegen den Zarismus und die feudalen Überbleibsel fortbestanden“72. Er meinte, dass im Gegensatz zu Russland, wo man dem „Ancien Régime“ als Hüter der Überbleibsel des Feudalismus entgegenstand, die Volksfronten im „Westen“ lediglich eine mögliche Rechtfertigung hatten, nämlich die direkte Verteidigung der Bourgeoisie gegen das Proletariat.

Das obige Zitat spiegelt die Ansichten von Trotzki im Jahre 1936 wieder. Doch zwei Jahre später revidiert er in einem Brief an James Cannon seine Position bezüglich des anderen Aspekts seiner Charakterisierung der französischen Volksfront. Er bilanziert, dass es sich zwar um eine „Karikatur“ handelte, jedoch nicht um eine „schwache Nachahmung“ der russischen Volksfront, sondern im Gegenteil eine noch mächtigere „Nachahmung“. „Die Volksfront-Koalition, die absolut machtlos gegen Faschismus, Krieg, Reaktion usw. ist, erwies sich als eine gewaltige konterrevolutionäre Bremse für die Massenbewegung, unvergleichlich mächtiger als die Februarkoalition in Russland, weil (a) wir keine allmächtige Arbeiterbürokratie hatten, einschließlich der Gewerkschaftsbürokratie; (b) wir eine bolschewistische Partei hatten“73.

Offensichtlich führen die Überlegungen von Mandel und Trotzki zu sehr unterschiedlichen politischen Lehren für die Revolution im „Westen“. Bei Mandel geht es darum, darauf zu „warten“, dass die Legitimationskrise der bürgerlichen Demokratie sich vertieft, um die Alarmglocke zu läuten und sich aufzustellen. Bei Trotzki lautet die Schlussfolgerung, dass die strategischen Probleme akuter und komplexer werden, und somit die Notwendigkeit einer revolutionären Partei dringender74.

Bezüglich des anderen Arguments von Mandel sagte Trotzki im Jahr 1938 ausdrücklich und im Einklang mit dem, was er in seinem Brief an Cannon behauptete: „Am 9. Juni 1936 schrieben wir: ‚Die französische Revolution hat begonnen.‘ Es könnte scheinen, dass die Ereignisse diese Diagnose widerlegt haben. In Wirklichkeit ist die Frage komplizierter. […] Die Geschichte der letzten Zeit brachte eine Reihe tragischer Bestätigungen für die Tatsache, dass nicht aus jeder revolutionären Situation die Revolution hervorgeht, sondern dass eine revolutionäre Situation konterrevolutionär wird, wenn der subjektive Faktor, d.h. die revolutionäre Offensive der revolutionären Klasse, ausbleibt75.In der Tat, nachdem die Volksfront die Niederlage der Arbeiter*innenbewegung gewährleistete – mit Abwertung der Währung, Entlassungen und Repression derer, die dagegen Widerstand leisteten –, überlässt sie die Bühne Daladier, damit er das Münchner Abkommen mit Hitler unterzeichnet. Nach Hitlers Offensive 1940 kapituliert die französische Bourgeoisie schnell und errichtet in den nicht-besetzten Gebieten das mit Nazideutschland kollaborierende Vichy-Regime, angeführt vom Marschall Pétain.

Trotzki unterschätzte, wie wir zu zeigen versuchen, keineswegs die Bedeutung der bürgerlich-demokratischen Legitimität76. Jedoch brachte ihn dies nicht dazu, die Prozesse der Radikalisierung der Massen zu unterschätzen. Jahre später betonte er die Richtigkeit seiner Charakterisierung, die 1936 vom Beginn der „französischen Revolution“ ausging, denn die Tatsache, dass sie nicht erfolgreich gewesen war, bewies nicht, dass sie nicht existiert hatte, sondern dass sich eine Gabelung aufwarf: die offensive Regeneration des Prozesses oder ihre Verwandlung in Konterrevolution.

Dieser Unterschied ist keinesfalls unwichtig. Die Volksfront nutzt die demokratischen Illusionen nicht nur, um zu bremsen, sie „vermeidet“ nicht einfach die Revolution, auch wenn sie manchmal so erfolgreich dabei ist, dass es so zu sein scheint. Sie nutzt diese Illusionen, um der Konterrevolution das Tor zu öffnen, oder um sie als Protagonistin zu begleiten.

Wie wir sehen, handelt es sich bei den „westlichen“ Demokratien nicht um eine „plötzliche Umkehr“ zwischen Konsens und Zwang (Anderson). Die Volksfront ist der „demokratische Weg“ in die Konterrevolution. Nicht der Mangel an einem Bruch mit den Illusionen in die bürgerliche Demokratie selbst kann im Nachhinein das Fehlen einer Revolution beweisen, sondern das Ausbleiben der Konterrevolution, auch wenn diese sich nicht direkt manifestiert und Zeit braucht, um eine gewaltsame Lösung durchzusetzen.

Daher zeigte Trotzki in Bezug auf die spanische Revolution nach dem Aufstieg der Volksfront: „Die ‚demokratische‘ Revolution und die sozialistische Revolution befinden sich diesseits und jenseits der Barrikade. […]. Die ‚demokratische‘ Revolution in Spanien ist bereits gemacht. Durch die Volksfront erlebt sie ihre Wiederauferstehung. […]. Die sozialistische Revolution muss in unerbittlichem Kampfe gegen die ‚demokratische‘ Revolution mit ihrer Volksfront durchgeführt werden. Was bedeutet denn diese ‚Synthese‘ der ‚demokratisch-sozialistischen‘ Revolution. Absolut nichts; nur einen eklektischen Gallimathias [Unsinn, A.d.Ü.].“77

Zwischen Zwang und Konsens

In diesem zweiten Teil haben wir gesehen, wie „die moralischen Kräfte“ in der Wirklichkeit untrennbar mit den „materiellen Kräften“ verbunden sind, und sich mittels der Konfrontation zwischen letzteren messen. Nun, offensichtlich schmälert die Tatsache, dass man, um zwei „moralische Kräfte“ zu vergleichen, diese als Teil von „materiellen Kräften“ ansehen soll, nicht das Gewicht und die Bedeutung der ersteren. Im Gegenteil zeigt dies, wie sie sind, nämlich integraler Bestandteil des Kräfteverhältnisses im engeren Sinne des Wortes.

Wie wir bereits gesehen haben, ist einer der Kritikpunkte, den Peter Thomas Anderson zu seiner Interpretation von Gramsci macht, eine mechanische Gegenüberstellung und eine einfache zeitliche Abfolge zwischen Konsens und Zwang herzustellen. Wir haben ebenfalls gesehen, wie etwas von dieser Kritik auch auf Anderson selbst, unabhängig von Gramsci, anwendbar ist, die ihn dazu bringt, die Volksfront und ihrer konterrevolutionäre Rolle zu unterschätzen.

In seiner Argumentation betont Thomas die Darlegung von Gramsci: „Die ’normale‘ Ausübung der Hegemonie auf dem klassisch gewordenen Feld des parlamentarischen Regimes zeichnet sich durch eine Kombination von Zwang und Konsens aus, die sich die Waage halten, ohne daß der Zwang den Konsens zu sehr überwiegt, sondern im Gegenteil vom Konsens der Mehrheit, wie er in den sogenannten Organen der öffentlichen Meinung zum Ausdruck kommt, getragen erscheint […]“78. Trotzki seinerseits hatte eine sehr ähnliche Ansicht über die öffentliche Meinung: „Die bourgeoise öffentliche Meinung ist ein dichtes psychologisches Gewebe, das von allen Seiten her die Waffen und Werkzeuge der bourgeoisen Gewalt umhüllt und sie dadurch […] schützt“79.

Ausgehend von Gramscis Definition macht Thomas eine interessante Beschreibung der öffentlichen Meinung als Kristallisation einer „Art ‚Zwang durch Konsens‘ […], der Zwang der gegnerischen Klassen, durch die Zustimmung der verbündeten sozialen Gruppen“80. Allerdings zieht er folgende Schlussfolgerung über Gramsci: „Er definierte ‚politische Hegemonie‘ in Form von ‚öffentlicher Meinung‘, als ‚Berührungspunkt‘ zwischen ‚Zivilgesellschaft‘ und ‚politischer Gesellschaft‘, zwischen Konsens und Zwang. Mit anderen Worten, war sein entscheidender Schritt nicht ein unbewusstes ‚konzeptuelles Abgleiten‘ [der relativen Gewichtung zugunsten des Konsens über den Zwang, A.d.R.], sondern vielmehr die bewusste Artikulation dieser ‚einfachen Bestimmung‘ mit dem komplexen ‚integralen‘ Staatsbegriff81, oder die ähnliche dialektische Integration der zivilen und politischen Gesellschaft“82.

Diese Überlegung richtet sich gegen Anderson, der von „konzeptueller Verschiebung“ Gramscis in Richtung des Pols des Konsens sprach, um auf die Mehrdeutigkeiten der Gefängnishefte hinzuweisen, aber gleichzeitig, um die sozialdemokratischen Interpretationen anzugreifen, die beabsichtigten, Gramsci als einen Denker darzustellen, für den die Hegemonie im Wesentlichen auf der Kultur und der Manipulation der öffentlichen Meinung basierte. Thomas neigt in der Tat, auch wenn auf subtilere und anspruchsvollere Art und Weise, klar zu reformistischen Anschauungen mit der Behauptung, es handle sich um eine „gewollte Artikulation“. Er legt hierbei den Fokus auf die öffentliche Meinung als zentralem Artikulator, was Anderson seinerseits kritisiert hatte.

Die Ursache für diese Verschiebung bei Thomas ist, dass er das Regime, wobei Gramsci sich auf die bürgerliche Demokratie bezog, mit dem kapitalistischen Staat selbst verwechselt. Anderson meint dies, wenn er vom „entscheidenden“ Ort der repressiven Kräfte des „westlichen“ Kapitalismus spricht. Daher stimmt diese Verschiebung mit den Vorschlägen von Thomas überein, dass es möglich sei, den Staat zu „neutralisieren“, indem man ihm seine soziale Basis nimmt.

Die Arbeiter*innenklasse kann keine „politische Hegemonie in Form von öffentlicher Meinung“ erlangen, ohne dabei die Staatsmacht zu erobern und das soziale Mehrprodukt zu kontrollieren. Daraus ergibt sich die Bedeutung des strategischen Handelns im Klassenkampf, um die Verbündeten während der revolutionären Krisen für sich zu gewinnen, wie wir im vorigen Abschnitt entwickelt haben. Dies ändert nichts an der Bedeutung des Kampfes um die öffentliche Meinung, jedoch handelt es sich für die Arbeiter*innenklasse notwendigerweise stets um eine öffentliche Meinung für den Kampf.

Daraus ergibt sich die Bedeutung, die Trotzki der Unabhängigkeit der Partei auf diesem Feld zuschrieb: „Eine der wichtigsten Eigenschaften unserer Partei, die sie zum wichtigsten Hebel der Entwicklung in unserer Epoche macht, besteht in ihrer vollen und absoluten Freiheit von der öffentlichen Meinung der Bourgeoisie“83. Und zweitens die Notwendigkeit revolutionäre Strömungen in der öffentlichen Meinung zu entwickeln: „es handelt sich um die tiefe innere Freiheit der proletarischen Avantgarde von den geistigen Fallen und Schlingen der Bourgeoisie, um die neue revolutionäre öffentliche Meinung, die dem Proletariat gestatten würde, nicht durch Worte, sondern durch Taten, nicht durch Tiraden, sondern, wenn es nötig ist, mit den Stiefeln die Gebote der Bourgeoisie zu zertreten, indem es das sich frei gesetzte revolutionäre Ziel verwirklicht, das zu gleicher Zeit eine objektive Forderung der Geschichte ist.“84

Darüber hinaus gibt es einen weiteren Punkt von entscheidender Bedeutung, den Thomas auffälligerweise nicht aufgreift (Anderson gibt ihm auch keine größere Bedeutung), obwohl Gramsci ihn in den Gefängnisheften hervorhebt, unmittelbar nachdem er über die öffentliche Meinung spricht. „Zwischen dem Konsens und dem Zwang“, sagt Gramsci, „steht Korruption-Betrug (was für bestimmte Situationen kennzeichnend ist, in denen die Ausübung der hegemonialen Funktion schwierig ist, weil die Gewaltanwendung zu viele Gefahren darstellt), d.h. die dem Gegner oder den Gegnern dadurch gebrachte Zermürbung und Lähmung, dass ihre Führer, heimlich im Normalfall, offen im Falle der Gefahr, gekauft werden, was dazu dienen soll, Verwirrung und Unordnung in den gegnerischen Reihen zu stiften“85.

Der Mangel an Aufmerksamkeit für diese Elemente der Korruption und des Betrugs in Thomas‘ Analyse verbindet sich mit einem anderen Schlüsselelement für die Arbeiter*innenbewegung im zwanzigsten Jahrhundert und, wie bereits erwähnt, scheint dies fast außerhalb des Horizontes des Autors zu liegen: der Bürokratie.

Fußnoten

1. Artous, Antoine, “Democracia y emancipación social (II)”, April 2005. Vgl auch: Artous, Antoine, Marx, l’État, et la politique, París, Syllepse, 1999.

2. Für eine Kritik an diesen Positionen, siehe: Cinatti, Claudia und Albamonte, Emilio, “Más allá de la democracia liberal y el totalitarismo”, Estrategia Internacional Nr. 21, September 2004. Bisher nicht auf Deutsch übersetzt.

3. Mandel, Ernest, El poder y el dinero, México, Siglo XXI, 1994, S. 287. Eigene Übersetzung.

4. Poulantzas, Nicos, Estado, poder y socialismo, Madrid, Siglo XXI, 1980, S. 309. Eigene Übersetzung.

5. Trotzki zieht einen interessanten Vergleich zwischen der Kommune von Paris und der Petrograder Duma um mit jenen wie Kautsky damals, oder Artous jetzt, zu diskutieren, die mit der Kommune gegen die Diktatur des Proletariats argumentierten. Er schrieb in Terrorismus und Kommunismus: “Es ist interessant, festzustellen, dass sich an den Kommunalwahlen im Jahre 1871 in Paris 230.000 Wähler beteiligt haben. An den Wahlen in die Stadtverwaltung im Dezember 1917 in Petersburg nahmen, trotz des Boykotts der Wahlen seitens aller Parteien, außer unserer und der Partei der linken Sozialrevolutionäre, die in der Hauptstadt fast gar keinen Einfluss hatten, 400.000 Wähler teil. Paris zählte im Jahre 1871 – 2.000.000 Bevölkerung. Petersburg hatte im Jahre 1917 – 2.000.000 Bevölkerung.”

6. Vgl. Trotzki, Leo, “Wenn Amerika kommunistisch würde”.

7. ebd.

8. Vgl. Trotzki, Leo, “Gespräch mit einem sozialdemokratischen Arbeiter”.

9. Artous’ Argument über die Vorzüge des allgemeinen Wahlrechts und Mechanismen wie Referenda als Bremse für “totalitäre Tendenzen”, welches üblich für die Vertreter*innen des “Kombinierten Staats” ist, hält einer historischen Analyse nicht stand. Die 1936 sanktionierte stalinistische Verfassung der Sowjetunion führte das allgemeine Wahlrecht wieder ein. Wie Trotzki in Verratene Revolution schreibt: “Auf politischem Gebiet unterscheidet sich die neue Verfassung von der alten durch die Rückkehr vom Sowjetwahlsystem nach Klassen- und Produktionsgruppen zum System der bürgerlichen Demokratie. das auf dem sogenannten „allgemeinen, gleichen und direkten“ Stimmrecht der atomisierten Bevölkerung fußt. Es handelt sich kurz gesagt um die rechtliche Liquidierung der Diktatur des Proletariats.“ Bezüglich des Nationalsozialismus schrieb er über die Wahlen im März 1933, als Hitler über 17 Millionen stimmen erhielt: „Hitlers politischer Anhang besteht aus Offizieren, Beamten, Angestellten, Kleinkrämern, Kaufleuten, Bauern, all den Zwischenschichten und zweifelhaften Klassen. Unter dem Gesichtspunkt des gesellschaftlichen Bewusstseins sind sie menschlicher Staub. Es ist ein Paradoxon, dass Hitler trotz seines Anti-Parlamentarismus im Parlament stärker ist als in der gesellschaftlichen Planung. Die Faschisten müssen jedes Mal von neuem ihre Häupter zählen.“

10. Vgl. Albamonte, Emilio und Maiello, Matías, “Trotsky y Gramsci: debates de estrategia sobre la revolución en occidente”. Bisher nicht auf Deutsch übersetzt.

11. Die Zeitschrift Historical Materialism widmete im Jahre 2014 der Polemik über Thomas’ Buch ein eigenes Dossier. Vgl. Historical Materialism N° 22.2 (2014), S. 33ff.

12. Thomas hat seinen Vorgänger bezüglich der Zentralität, die er dem Konzept der “hegemonialen Apparate” gibt, in Gianni Francionis Studie über die Gefängishefte. Vgl. Francioni, Gianni, L’officina gramsciana, Napoli, Bibliopolis, 1984, S. 177ff.

13. Gramsci schreibt in den Gefängnisheften, „daß in einer bestimmten Gesellschaft niemand unorganisiert oder parteilos ist, wenn man Organisation und Partei im weiten Sinn und nicht formell versteht. In dieser Vielzahl besonderer Gesellschaften mit Doppelcharakter, natürlich und vertraglich oder freiwillig, überwiegen eine oder mehrere relativ oder absolut, indem sie den Rest der Bevölkerung (oder Zivilgesellschaft) bilden, Basis des im engen Sinn als Regierungs- und Zwangsapparat verstandenen Staates.“ Gramsci, Antonio, Gefängnishefte, H6, §136, Band 4, Berlin: Argument, 1992, S. 814f.

14. Thomas, Peter, The gramscian moment. Philosophy, hegemony and marxism, Leiden, Brill, 2009, S. 226. Eigene Übersetzung.

15. Trotzki, Leo, “Gespräch mit einem sozialdemokratischen Arbeiter”, a.a.O.

16. Thomas, Peter, a.a.O. , S. 227. Eigene Übersetzung.

17. Trotzki, Leo, „Gespräch mit einem sozialdemokratischen Arbeiter”, a.a.O.

18. ebd.

19. ebd.

20. Thomas kritisiert Poulantzas darin, dass politische Macht nicht aus einer Verdichtung der Kräfte „zwischen den Klassen“ im Staat bestünde, sondern „den hegemonialen Projekten immanent ist, durch die Klassen sich selbst als solche konstituieren“. Der Staat kann jedoch keine „Verdichtung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen“ sein, ab dem Moment, an dem es sich um „besondere, von der Gesellschaft abgehobene bewaffnete Formationen“ handelt, von denen Engels und Lenin reden. Nun kann sich auch die politische Macht der Arbeiter*innenklasse nicht außerhalb des Klassenkampfes in den „hegemonialen Apparaten“ als „materielle Verdichtung des Kräfteverhältnisses“ ausdrücken.

21. Thomas, Peter, a.a.O. S. 226. Eigene Übersetzung.

22. Gramsci, Antonio, Die italienische Situation und die Aufgaben der KPI (Thesen von Lyon), 1926. Eigene Übersetzung.

23. Vgl. Albamonte, Emilio y Maiello, Matías, “Trotsky y Gramsci: debates de estrategia sobre la revolución en occidente”, op. cit. Bisher nicht auf Deutsch übersetzt.

24. Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Grundlage der Gewerkschaften gegründet, verwandelte sich die Labour Party in den folgenden Jahrzehnten, angeführt von der reformistischen Bürokratie, in die wichtigste Partei der britischen Arbeiter*innenklasse. Als die 3. Internationale sich gründete, war dies bereits gefestigt, und der Kommunismus hatte es nicht geschafft, sich in der Arbeiter*innenklasse zu verankern.

25. Britische Gewerkschaftszentrale

26. Der steigende Einfluss der USA in Europa stellte eine Gefahr für die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien dar. Nach der Ruhrkrise und der Niederlage der deutschen Revolution von 1923 wurde der Dawes-Plan implementiert, mit dem Vorhaben, Europa zu Gunsten des US-Imperialismus zu stabilisieren. Dies wurde durch Kredite an Deutschland durchgesetzt, damit dieses die Kriegsreparationen an Frankreich und Großbritannien zahlen konnte. Die Zahlungen wiederum gingen von dort aus weiter in die USA, um die Schulden auszugleichen, die während des 1. Weltkriegs aufgenommen wurden.

27. Internationaler Zusammenschluss der reformistischen Gewerkschaftsbürokratie.

28. Gramsci, Antonio, “Un examen de la situación italiana”, en
Escritos políticos (1917-1933), a.a.O., p. 288. Eigene Übersetzung.

29. ebd.

30. Trotzki, Leo: Wohin treibt England? V. Die Frage der revolutionären Gewalt.

31. Sinowjeww, der damals der wichtigste Anführer der Internationalen war, stellte die These auf, dass die Entwicklung der linken Sektoren in Labour die Möglichkeit eröffnete, einen Alternativen weg hin zum Aufbau unabhängiger kommunistischer Parteien darzustellen: “Die verschiedenen Sektionen und Anführer der [Komintern] denken, dass wir nur einen Weg gehen können – der des Aufbaus kommunistischer Parteien – und sehen das Neue nicht: was in den reformistischen Parteien entstanden ist, wie die die Auswüchse (estratificación)der Arbeiteraristokratie aussieht, welche Linksentwicklungen in der englischen Arbeiterklasse entstehen, welche wichtige Rolle unsere [Sowjet]Union in der Radikalisierung der Arbeitermassen im Westen zu spielen beginnt, etc.” (zitiert aus Hajek, Milos, Historia de la Tercera Internacional. La política de frente único (1921-1935), Barcelona, Grijalbo, 1984, S. 160, eigene Übersetzung).

32. Gramsci, Antonio, “Der Cäsarismus”, in: Gefängnishefte, H13, §27, Band 7, Berlin: Argument, 1996, S. 1592-1595, hier: S. 1594.

33. Ramsay MacDonald (1866-1937): Premierminister der ersten zwei britischen Labourregierungen (1924 und 1929-1931); daraufhin verließ er die Labour Partei, um eine Regierung der “nationalen Einheit” mit den Konservativen zu bilden.

34. Gramsci, Antonio, “Un examen de la situación italiana”, ebd., S. 288, eigene Übersetzung

35. “If Purcell and Hicks break with us, not because we demand of them that they transform themselves immediately into Communists – nobody demands that! – but because we ourselves want to remain Communists” (Trotsky, León, The Mistakes of Rightist Elements of the Communist League on the Trade Union Question, 1931)

36. Trotzki, Leo, Die grundlegenden Irrtümer des Syndikalismus (1929).

37. ebd.

38. ebd.

39. Gramsci, Antonio, Die italienische Situation und die Aufgaben der KPI (Thesen von Lyon), 1926. Eigene Übersetzung.

40. Clausewitz, Carl von, Vom Kriege, Bd. I.

41. ebd.

42. Trotzki, Leo: Wohin treibt England? A.a.O.

43. Clausewitz, Carl von, Vom Kriege, Bd. III. A.a.O.

44. ebd.

45. Vgl. Albamonte, Emilio y Maiello, Matías, “Trotsky y Gramsci: debates de estrategia sobre la revolución en occidente”

46. vgl. Clausewitz, Carl von, Vom Kriege. A.a.O.

47. vgl. Anderson, Perry: Antonio Gramsci. Eine kritische Würdigung.

48. ebd.

49. Gianni Francionis Buch L’officina gramsciana gilt als besonders wichtiges Werk in den philologischen Studien, die eine Kritik an Andersons Interpretation der Gefängnishefte formulieren. Wie wir bereits erwähnten, wurde diese von darauffolgenden Arbeiten aufgenommen, unter anderem Thomas’ The Gramscian Moment.

50. Thomas, Peter, a.a.O., S. 231. Eigene Übersetzung.

51. Über die NEP, siehe den Anhang im 3. Teil des Artikels, erscheint am 13.09.2020.

52. Gramsci, Antonio, „Analyse der Situationen: Kräfteverhältnisse“, in: Gefängnishefte, H13, §17, Band 7, Berlin: Argument, 1996, S. 1556-1565, hier: S. 1562f..

53. Bericht von Athos Lisa an die KPI: „Diskussion mit Gramsci im Gefängnis“. Eigene Übersetzung.

54. Seine Schriften vor dem Gefängnisaufenthalt lassen diese Interpretation auch nicht zu. Gramsci schreibt 1926: “Die Kommunisten in Turin stellten konkret die Frage nach der ‚Hegemonie der Proletariats‘, also nach der sozialen Basis der Diktatur des Proletariats und des Arbeiterstaats. Das Proletariat kann sich in die führende und herrschende Klasse verwandeln, wenn es ihm gelingt, ein System von Klassenallianzen zu schaffen, die es ihm ermöglichen, die Mehrheit der werktätigen Bevölkerung gegen den Kapitalismus und den bürgerlichen Staat zu mobilisieren. Das bedeutet in Italien, aufgrund der hier gegebenen Klassenbeziehungen, dass es den Konsens der breiten bäuerlichen Massen erlangen muss.” (Gramsci, Antonio, “Algunos temas sobre la cuestión meridional”, in Escritos políticos (1917-1933), México, Pasado y Presente, 1981, S. 307, eigene Übersetzung)

55. Anderson, Perry, Über den Westlichen Marxismus, Wien: Syndikat, S. 169.

56. Trotzki, Leo, Wohin geht Frankreich? A.a.O.

57. ebd.

58. Clausewitz, Carl von, Vom Kriege, Bd. I.

59. ebd.

60. vgl. Cinatti, Claudia, “La impostura posmarxista“.

61. vgl. Iglesias Turrión, Pablo, Disputar la democracia. Política para tiempos de crisis, Bs. As., Akal, 2015.

62. Anderson, Perry: Antonio Gramsci. Eine kritische Würdigung.

63. Gramsci, Antonio, „Politischer Kampf und militärischer Krieg“, in: Gefängnishefte, H1, §134, Band 1, Berlin: Argument, 1991, S. 178f., hier: S. 179.

64. Anderson, Perry: Antonio Gramsci. Eine kritische Würdigung.

65. Ebd.

66. Vergleiche hierzu: Dal Maso, Juan, “Hegemonía y revolución permanente”, in Ideas de Izquierda N° 26, Dezember 2015. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

67. Ein Teil von Thomas‘ Rekonstruktion dieses Absatzes (H13, §14) greift die Tatsache auf, dass der Verweis auf die „Doppelperspektive“ sich auf Sinowjews Erklärung auf dem 5. Kongress der Komintern stützt, wo er auf Folgendes hinwies: In der Situation eröffnen sich zwei Perspektiven: (a) eine mögliche langsame und langwierige Entwicklung der proletarischen Revolution, und (b) andererseits, dass […] die Widersprüche des Kapitalismus als Ganzes sich so schnell entwickeln, dass die Lösung in dem einen oder anderen Land in nicht allzu ferner Zukunft kommen kann“ (Thesen über die Taktik). Auf diese Weise würde sich Gramsci von dem völlig zweideutigen und mechanischen Schema distanzieren, das für Sinowjew funktional war, um sowohl das Ultralinkstum als auch den Opportunismus zu rechtfertigen, den er abwechselnd in der Leitung der KI betrieb.

68. Gramsci, Antonio, Gefängnishefte, H13, §14, Band 7, Berlin: Argument, 1996, S. 1554.

69. Bei der Analyse, ob es eine revolutionäre Krise gibt oder nicht, hebt Mandel „die politisch-ideologische Dimension“ dieser Art von Krise in „westlichen“ Ländern mit stabilisierten bürgerlichen Demokratien hervor. Nämlich: „Es muss in den Augen der großen Mehrheit der Klasse eine Legitimitätskrise der Institutionen des Staates geben. Es muss eine Identifikation dieser Mehrheit mit einer anderen Legitimation geben, einer neuen Legitimation, die im Entstehen begriffen ist“ („Consideraciones sobre estrategia revolucionaria“, in Critica de la economía política N° 26, Mexiko, El Caballito, 1984, S. 111-112, eigene Übersezung). Er unterscheidet diese Art von Krise deutlich von den kleineren Krisen, die eine bestimmte Regierung betreffen, auch wenn sie aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen ist. Die von ihm hervorgehobenen Elemente und die Unterscheidung zwischen Legitimitätskrisen und Regierungskrisen sind in ihrer Bedeutung eindeutig bemerkenswert, trotz der von uns aufgezeigten Probleme, sie als „Bedingung“ für die Charakterisierung der Eröffnung einer revolutionären Krise zu stellen.

70. Mandel, Ernest, “Consideraciones sobre estrategia revolucionaria” (entrevista realizada por Henry Weber), en Critica de la economía política N° 26, México, El Caballito, 1984, S. 114. Eigene Übersetzung.

71. ebd, S. 113.

72. Trotzki, Leo, “La sección holandesa y la Internacional”. Eigene Übersetzung.

73.Trotzki, Leo, “Brief an James P. Cannon. 5. Dezember 1938”.

74. Obwohl wir hier nicht die Möglichkeit haben, dies weiter auszuführen, geht es in diesem Punkt auch um Mandel und Trotzkis unterschiedliche Einschätzungen der Länge der Perioden der „Doppelmacht“ während der Revolutionen im „Westen“. Mandel meint, dass dies „lange Zeiten“ seien, weil die Massen in der Aktion der Sowjets die Überlegenheit der proletarischen Demokratie gegenüber der bürgerlichen Demokratie erkennen müssen, bevor sie sich zur Machtübernahme entschließen (Vgl. „Consideraciones sobre estrategia revolucionaria“, S. 119). In Trotzkis Fall argumentiert er, in Bezug auf Großbritannien, das Gegenteil: „Ob die proletarische Revolution ihr „Langes Parlament“ haben wird, wissen wir nicht. Sehr wahrscheinlich wird sie sich mit einem kurzen Parlament begnügen. Aber sie wird dazu desto sicherer imstande sein, je besser sie die Lehren des Zeitalters Cromwells beherzigen wird.“ (Wohin geht England?).

75. Trotzki, Leo. Die Entscheidungsstunde naht. Zur Lage in Frankreich, 14. Dezember 1938

76.Tatsächlich analysiert er die Elemente in diesem Sinne (Radikalisierung), insbesondere den enormen Sprung in der Wahl der Kommunistischen Partei 1936 mit 1.468.949 Stimmen, von dem Trotzki sagt, die Botschaft der Wähler*innen sei klar gewesen, für die KPF zu stimmen bedeutete: “ Wir wollen, dass ihr in Frankreich das tut, was die russischen Bolschewiki im Oktober 1917 taten“ (Wohin geht Frankreich?)..

77. Trotzki, Leo: Was sollen die Bolschewiki-Leninisten in Spanien tun? (1936).

78. Gramsci, Antonio, „Der umgekehrte Jakobinismus von Charles Maurras“, in: Gefängnishefte, H1, §48, Band 1, Berlin: Argument, 1991, S. 119-125, hier: S.

79. Trotzki, Leo, Die bourgeoise öffentliche Meinung, Sozialdemokratie, Kommunismus, in: Zwischen Imperialismus und Revolution. Die Grundfragen der Revolution an dem Einzelbeispiel Georgiens (1922).

80. Thomas, Peter, a.a.O., S. 165.

81. Über die Diskussion über das Konzept des „integralen Staats“ empfehlen wir den Leser*innen den Artikel “Trotsky, Gramsci y el Estado en ‘Occidente’”, von Fernando Rosso und Juan Dal Maso, in Ideas de Izquierda N° 11, Juli 2014. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

82. Thomas, Peter, a.a.O, p 167.

83. rotzki, Leo, Die bourgeoise öffentliche Meinung,Sozialdemokratie, Kommunismus, a.a.O.

84. Ebd.

85. Gramsci, Antonio, “El jacobinismo al revés de Charles Maurras” (Q1, §48), a.a.O.

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