Hintergründe

Feminismus und Marxismus: Eine nötige Strategiedebatte

Die argentinische Marxistin und Feministin Andrea D'Atri, Gründerin der internationalen sozialistisch-feministischen Gruppierung Pan y Rosas (Brot und Rosen), bringt mit diesem Beitrag die Frage der Strategie zurück in die feministische Auseinandersetzung. Sie argumentiert – gegen die postmodernen und populistischen Strömungen, die den ewigen Widerstand fetischisieren oder einen allgemeinen Antikapitalismus predigen und dabei den Staat und die gewerkschaftlichen, sozialen und politischen Bürokratien außer Acht lassen – für die Notwendigkeit des Aufbaus revolutionärer Fraktionen in den Massenorganisationen der Arbeiter*innen und in der feministischen Bewegung.

Feminismus und Marxismus: Eine nötige Strategiedebatte

Dieser Beitrag ist ein Vor­ab­druck aus dem Sam­mel­band »Where have all the Rebels gone?«, her­aus­gegeben von Christo­pher Wim­mer, der im März 2020 im UNRAST-Ver­lag erscheint. Wir danken dem Ver­lag für die fre­undliche Genehmi­gung des Vor­ab­drucks.

Nach drei lan­gen Jahrzehn­ten der Sta­bil­ität begin­nt die neolib­erale Hege­monie auf­grund der kap­i­tal­is­tis­chen Krise, die 2008 begann und sei­ther ungelöst ist, Risse zu bekom­men. Davon zeu­gen auch einige soziale Bewe­gun­gen, die in den let­zten Jahren ent­standen sind, wie die Indig­na­dos in Spanien, Occu­py Wall Street von 2011 oder auch die inter­na­tionale fem­i­nis­tis­che Bewe­gung, die mit dem Schrei »Ni una menos« (Nicht eine weniger) Mitte 2015 in Argen­tinien ent­standen ist und sich von dort über die ganze Welt aus­bre­it­ete. Es scheint sich bei diesen Protesten nicht nur um ein vorüberge­hen­des Phänomen zu han­deln. Diese Mobil­isierung gegen Fem­i­nizide und gegen Gewalt an Frauen, an der sich in Argen­tinien eine Mil­lion Men­schen beteiligte, hat­te ›ansteck­enden‹ Charak­ter: Der Aufruf über­schritt schnell die Gren­zen Argen­tiniens und am sel­ben Tag schlossen sich andere Län­der Lateinamerikas der Aktion an. Im fol­gen­den Jahr gin­gen in Ital­ien Tausende Frauen mit dem gle­ichen Ruf nach »Non una di meno« gegen sex­is­tis­che Gewalt auf die Straße, während in Polen zum Streik gegen die weit­ere Ein­schränkung des Rechts auf Abtrei­bung aufgerufen wurde.

Am 21. Jan­u­ar 2017 protestierte dann mehr als eine halbe Mil­lion Men­schen, über­wiegend Frauen, in Wash­ing­ton gegen Trump, der ger­ade die Präsi­dentschaft der Vere­inigten Staat­en ange­treten hat­te. Später ver­bre­it­eten sich dann in den sozialen Medi­en Kam­pag­nen gegen sex­is­tis­che Gewalt, wie der Hash­tag #MeToo in den USA oder #Bal­ance­Ton­Porc in Frankre­ich.

2018 riefen die Frauen in Island zu einem Tag auf, an dem alle lohn­ab­hängi­gen Frauen ab 14:55 Uhr ihre Arbeit nieder­legen soll­ten. Damit woll­ten sie auf die Lohn­lücke von 26 Prozent im Ver­gle­ich zu den Män­nern hin­weisen. In Spanien eroberte der Hash­tag #YoSíTe­Creo (Ich glaube dir) die sozialen Medi­en. Er drück­te den Protest gegen ein Gericht­surteil aus, mit dem eine Gruppe Män­ner vom Vor­wurf freige­sprochen wurde, bei einem Volks­fest gemein­sam eine junge Frau verge­waltigt zu haben. Dieser Fall wurde als »La Man­a­da« (das Rudel) bekan­nt. Außer­dem gab es Massendemon­stra­tio­nen von Frauen in ver­schiede­nen Städten Brasiliens, die sich gegen den dama­li­gen Präsi­dentschaft­skan­di­dat­en Jair Bol­sonaro richteten – der mit­tler­weile nach ein­er Stich­wahl Präsi­dent des Lan­des gewor­den ist.

Am 8. März 2018, dem inter­na­tionalen Frauen­tag, beteiligten sich in 170 Län­dern – von 194, die von der UNO anerkan­nt wer­den – Feminist*innen am ersten inter­na­tionalen fem­i­nis­tis­chen Streik. Im Jan­u­ar 2019 gin­gen Feminist*innen in Spanien unter dem Mot­to »Nicht einen Schritt zurück bei Gle­ich­heit und Diver­sität. Unsere Rechte sind nicht ver­han­del­bar« erneut auf die Straße, auch um sich gegen die ultra­rechte Partei Vox zu stellen. Und auch in diesem Jahr gab es erneut am 8. März einen zweit­en inter­na­tionalen fem­i­nis­tis­chen Streik, mit großen Demon­stra­tio­nen in ver­schiede­nen Län­dern.

Auch wenn der Fem­i­nis­mus, der im Schat­ten des Neolib­er­al­is­mus ent­standen ist, immer noch eine gewisse Vorherrschaft genießt – beson­ders im com­mon sense, den die Massen­me­di­en ver­bre­it­en –, wird diese Art des Fem­i­nis­mus doch zunehmend hin­ter­fragt. Die weltweit­en Demon­stra­tio­nen zeigen genau dies.

Während Ivan­ka Trump oder Marine Le Pen es wagen, einige ihrer zutief­st reak­tionären poli­tis­chen und ide­ol­o­gis­chen Posi­tio­nen als fem­i­nis­tisch darzustellen, entste­hen auf der anderen Seite aber wieder pop­u­lare, dekolo­niale, anti­ras­sis­tis­che, anti­im­pe­ri­al­is­tis­che und antikap­i­tal­is­tis­che Fem­i­nis­men. Sie prangern die Mitver­ant­wor­tung des neolib­eralen Fem­i­nis­mus für die Poli­tik der Kürzung­spro­gramme, der Flex­i­bil­isierung, des Abbaus des Sozial­staats und der zunehmenden Prekarisierung der Arbeits- und Lebensver­hält­nisse an.

Widerstand leisten oder den Sieg vorbereiten?

Wir kön­nen dabei sehen, wie durch diese aktuelle fem­i­nis­tis­che Welle auch die Kri­tik erweit­ert und ver­tieft wird. Die Feminist*innen kri­tisieren die struk­turellen Grund­la­gen der patri­ar­chalen Herrschaft, ohne dabei konkrete Forderung nach geset­zlichen Refor­men und ökonomis­chen Verbesserun­gen zu vergessen und zu ver­nach­läs­si­gen. Dadurch machen sie sicht­bar, dass für Frauen etwas grund­sät­zlich falsch läuft in dieser Gesellschaft, in der wir leben – auch wenn wir dem poli­tis­chen Regime mal mehr und mal weniger Rechte abgerun­gen haben. In den let­zten Jahren begin­nt sich in immer größeren Kreisen der Aktivist*innen die Vorstel­lung durchzuset­zen, dass Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus miteinan­der zusam­men­hän­gen – auch wenn dieser Zusam­men­hang häu­fig noch dif­fus bleibt und die Konzep­tu­al­isierung des Ver­hält­niss­es wenig ein­heitlich ist.

Anders gesagt: Der Kampf gegen die patri­ar­chale Unter­drück­ung begin­nt ver­stärkt einen antikap­i­tal­is­tis­chen Inhalt zu bekom­men. Und zwar nicht so sehr deshalb, weil ein klares Bewusst­sein über die untrennbare Ein­heit von Pro­duk­tion und Repro­duk­tion herrsche. Eben­so wenig, weil die Bewe­gung plöt­zlich für einen radikalen Umsturz ein­treten würde. Son­dern vielmehr, weil es immer offen­sichtlich­er wird, dass die kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien es nicht ein­mal schaf­fen, die grundle­gend­sten Forderun­gen nach Frei­heit und Gle­ich­heit abschließend zu lösen.

Gle­ichzeit­ig gibt es unter den Intellek­tuellen und Vor­denkerin­nen, die Teil dieses kri­tis­chen Hor­i­zonts antikap­i­tal­is­tis­ch­er Posi­tio­nen in der aktuellen fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung sind, weit­er­hin The­o­retisierun­gen und Pos­tu­late, die nicht über den Vorschlag des (fröh­lichen) poli­tis­chen Wider­stands hin­aus­ge­hen. Angesichts der möglichen Fol­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Krise, die weit­er­hin den Nährbo­den für anti­demokratis­che Poli­tik bildet, gilt es, diese Schwäche der Verkürzung lieber früher als später zu über­winden.

Der Fokus auf Wider­stand ist eine Schwäche, da Men­schen schon immer Wider­stand gegen all jene Exis­tenzbe­din­gun­gen geleis­tet haben, die sie zu Unter­drück­ung und Aus­beu­tung verurteilt haben. Wie es Daniel Ben­saïd gut beschrieben hat, ist dieser Akt der Auflehnung »in erster Lin­ie ein Akt der Selb­ster­hal­tung, die erbit­terte Vertei­di­gung ein­er Unversehrtheit, die von der Zer­störung bedro­ht ist.«1 Eben­so set­zt der Wider­stand die fort­dauernde Exis­tenz dessen voraus, gegen das Wider­stand geleis­tet wer­den soll. Er set­zt auch voraus, dass diejeni­gen, die einem erlit­te­nen Angriff eine organ­is­che, lebendi­ge, fast reflex­hafte Antwort ent­ge­genset­zen, in ihrer Opfer­rolle verd­inglicht und ver­stetigt wer­den. Der Wider­stand braucht also keine The­o­rie und keine Poli­tik; er wird nahezu automa­tisch aus dem Instinkt zur Selb­ster­hal­tung her­aus geleis­tet. Zusam­menge­fasst: Der Wider­stand braucht keine Strate­gie.

Deshalb ist in den poli­tis­chen und the­o­retis­chen Debat­ten, die im Rah­men dieser neuen fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung aufgekom­men sind und die sich auf Wider­stand beschränken, eine Strate­gie auch noch nicht präsent und abse­hbar, selb­st wenn dort von Antikap­i­tal­is­mus gesprochen wird. Ganz so als ob der Kampf der Frauen nur Wider­stand bleiben sollte und er sich nicht den Sieg zum Ziel set­zen würde. Ganz so, als ob die Möglichkeit des Sieges nicht ein­mal Teil der Vorstel­lungskraft der Bewe­gung wäre.

Für uns ist es wichtig – und wir behar­ren darauf –, über diese Leer­stelle in den aktuellen Debat­ten nachzu­denken. Denn was heißt es, wenn in den Straßen Argen­tiniens die Frauen demon­stri­eren und sin­gen: »Nieder mit dem Patri­ar­chat, es wird fall­en, es wird fall­en, hoch mit dem Fem­i­nis­mus, er wird siegen, er wird siegen«. Wie muss man diesen Slo­gan ver­ste­hen, der sich in der ganzen spanis­chsprachi­gen Welt ver­bre­it­et hat? Wie wer­den antikap­i­tal­is­tis­che Posi­tio­nen anschlussfähig an all die vie­len Frauen in fer­nen und unter­schiedlichen Straßen, die zum gle­ichen Rhyth­mus dieser Parole tanzen?

Der unendliche Skeptizismus des Widerstands ohne Siege

Aber damit diese Fra­gen zum Teil der Debat­ten der antikap­i­tal­is­tis­chen Fem­i­nis­men wer­den, müssen wir die unheil­volle Sit­u­a­tion über­winden, in der wir uns gegen­wär­tig befind­en: Die Frage der Strate­gie wurde in den let­zten Jahrzehn­ten, die ohne Rev­o­lu­tio­nen abliefen, vergessen. Das erk­lärt bis zu einem gewis­sen Grade auch die Abwe­sen­heit dieses Begriffs in den heuti­gen Debat­ten.

Der kap­i­tal­is­tis­che Staat hat gezeigt, dass er nicht nur ein Zwangsap­pa­rat ist, son­dern auch wie nie zuvor Mech­a­nis­men zur Eingliederung ver­schieden­er Inter­essen entwick­elt hat, gegen die wir auch ankämpfen müssen – dies bringt die zusät­zliche Schwierigkeit mit sich, dass sie dem Anschein nach gut für uns seien. Es ist jedoch von zen­traler Bedeu­tung, dieses Phänomen der Verbindung von Zugeständ­nis­sen und Repres­sion in all seinen Dimen­sio­nen zu erfassen und zu ver­ste­hen, um die Entwick­lung eines antikap­i­tal­is­tis­chen Fem­i­nis­mus neu denken zu kön­nen. Dies trifft eben­so auf andere soziale Bewe­gun­gen zu, die heute, wenn auch noch auf dif­fuse Weise, dieses Gesellschaftssys­tem angreifen, das immer größeres Elend für die Mehrheit der Men­schheit bedeutet und die Zer­störung des Plan­eten vorantreibt.

Zwis­chen dem Ende der 1960er- und dem Anfang der 1980er-Jahre hat­te die Bour­geoisie mit einem Auf­stieg der Massen zu kämpfen, der nicht nur die Herrschaft der Kapitalist*innen infrage stellte, son­dern auf der anderen Hälfte des Plan­eten auch die Sta­bil­ität der stal­in­is­tis­chen Bürokra­tien bedro­hte. Die Wel­tord­nung nach den Kon­feren­zen von Jal­ta und Pots­dam wäre zusam­menge­brochen, hätte es nicht den Ver­rat – durch die Ein­hegung und Assim­i­la­tion – der­jeni­gen Organ­i­sa­tio­nen gegeben, die eigentlich auf der Seite der Massen zu ste­hen schienen. So war hier keine blutige Kon­ter­rev­o­lu­tion gegen die Massen notwendig, auf welche die Bour­geoisie zu anderen Zeit­punk­ten ohne Zögern zurück­griff. Wie Emilio Alba­monte und Matías Maiel­lo schreiben: »Unter den neuen Bedin­gun­gen nach dem Krieg und zur Eindäm­mung der Rev­o­lu­tion ent­fal­tete sich mit dem soge­nan­nten ›key­ne­sian­is­chen Wohlfahrtsstaat‹ eine neue Grund­lage für den Reformis­mus in den zen­tralen Län­dern. Gle­ichzeit­ig wurde in der Periph­erie ein Prozess der ›Dekolo­nial­isierung‹ von oben unter­nom­men, der die antikolo­niale Rev­o­lu­tion allerd­ings nicht eindäm­men kon­nte. Diese bei­den Prozesse, zusam­men mit der Enteig­nung der Bour­geoisie ›von oben‹ in den Län­dern Osteu­ropas, die unter der Besatzung der Roten Armee standen, waren Bestandteile ein­er Antwort auf den Auf­schwung der Kämpfe in der direk­ten Nachkriegszeit. Sie bilde­ten eine ›pas­sive Rev­o­lu­tion‹ in großem Umfang.«2

Angesichts der Unzulänglichkeit­en des Par­la­men­taris­mus für die Aufrechter­hal­tung der bürg­er­lichen Hege­monie weit­ete sich der Staat in die Zivilge­sellschaft aus und inte­gri­erte, assim­i­lierte, koop­tierte und erschuf dort neue bürokratis­che und hier­ar­chis­che Organ­i­sa­tio­nen. Sie ste­hen mit einem Fuß in den Bewe­gun­gen, reichen den herrschen­den Klassen aber die Hand. So tra­gen sie deren und ihre eige­nen Inter­essen in die Bewe­gun­gen hinein, befrieden diese und bekom­men im Aus­tausch von den herrschen­den Klassen einige Zugeständ­nisse für ihre jew­eili­gen Bere­iche.

Das Ende der Peri­ode der Radikalisierung der Massen, das durch die impe­ri­al­is­tis­che Gegenof­fen­sive erzwun­gen wurde, war gle­ichzeit­ig der Beginn von den unter­schiedlichen und zahlre­ichen (intellek­tuellen) Hirnge­spin­sten, die von einem Sieg ein­er ›all­ge­gen­wär­ti­gen Macht‹ sprachen, die unsere Leben durchrin­gen würde, unsere Kör­p­er for­men und unsere Begehren und Diskurse durchziehen würde. Per­ry Ander­son schreibt über die Peri­ode nach der Nieder­lage und der Ein­hegung des 1968 begonnen Kampfzyk­lus, dass die Macht »jegliche his­torische Bes­timmtheit« ver­loren hat. Es gebe »wed­er bes­timmte Machthaber noch spez­i­fis­che Ziele, denen die Ausübung der Macht dient.«3 Diese abso­lut geset­zte und damit unbes­timmte Bio­macht sei repres­siv und mar­gin­al­isierend. Sie etabliere die gesellschaftliche Norm und agiere nicht nur neg­a­tiv, son­dern pro­duziere pos­i­tiv auch das Ver­wor­fene, das Anor­male, das Mar­ginale.

Durch ein solch­es Ver­ständ­nis von Macht wird die Notwendigkeit der herrschen­den Klassen, den Staat­sap­pa­rat zu kon­trol­lieren, um das Pri­vateigen­tum an Pro­duk­tion­s­mit­teln zu schützen (und die Aus­beu­tung der men­schlichen Arbeit­skraft der enteigneten Mehrheit zu garantieren), von allen anderen Machtver­hält­nis­sen abges­pal­ten. Dieses Machtver­hält­nis erschafft, repro­duziert, legit­imiert und ver­tieft die Unterord­nung der Mehrheit der Men­schen unter eine Min­der­heit. Diese unma­te­ri­al­is­tis­che Konzep­tu­al­isierung von Macht ent­stand im Kon­text der Weit­er­en­twick­lung sozialer Kon­trollmech­a­nis­men, die nach den Nieder­la­gen der Linken, die wir zu Beginn der 1980er-Jahre verorten kön­nen, ein bis dahin unbekan­ntes Aus­maß erre­icht­en. Durch eine solche beson­dere und ein­seit­ige Lek­türe des Phänomens der Macht wurde der fortbeste­hende Klassenan­tag­o­nis­mus zugun­sten der Vision ein­er Gesellschaft, die durch­drun­gen sei von der Mikro­physik der Macht, ver­schleiert. Jedoch gibt es immer noch den Antag­o­nis­mus zwis­chen ein­er Klasse, die eine kleine Min­der­heit aus­macht und weltweit in immer weniger Hän­den den Großteil des Besitzes konzen­tri­ert, und der Klasse, die eine immer größere Mehrheit umfasst, und deren Arbeit aus­ge­beutet wird – und die ständig wächst, indem gewalt­sam neue Kon­ti­nente und Mil­lio­nen neuer (und divers­er) ›Lohn­sklaven und ‑sklavin­nen‹ in die Logik des Kap­i­tals inte­gri­ert wer­den.

Wenn nun die Macht allmächtig ist, wäre auch der Klassenkampf unmöglich gewor­den. Die Lösung dieses Prob­lems wird nun nicht darin gese­hen, dieser Sit­u­a­tion eine per­ma­nente Rev­o­lu­tion ent­ge­gen­zuset­zen, son­dern – wie bere­its erwäh­nt – lediglich einen unendlichen und sich ewig wieder­holen­den Wider­stand. Wenn der Staat nicht mehr »der Punkt [ist], an dem sich diese Macht- und Kräftev­er­hält­nisse in ein­er bes­timmten his­torischen Kon­fig­u­ra­tion verbinden und miteinan­der abstim­men«, son­dern nur ein weit­eres Machtver­hält­nis, »kann sich die pro­gram­ma­tis­che Strate­gie in der Summe der Wider­stände auflösen.«4 Ohne die Möglichkeit des Sieges reduziert sich diese Strate­gie zu einem Nichts.

Apokalypse oder Integration?

In diesem Rah­men wird die Kri­tik am Marx­is­mus, der zu ein­er Karikatur gemacht wurde, um seinen Beitrag zum entschlosse­nen Kampf der Frauen herun­terzus­pie­len, zu einem groben und unehrlichen Manöver, das mit einem Fed­er­strich mehr als einein­halb Jahrhun­derte the­o­retis­ch­er, pro­gram­ma­tis­ch­er, poli­tis­ch­er und organ­isatorisch­er Anstren­gun­gen ein­fach so für nichtig zu erk­lären ver­sucht.

Gle­ich­wohl ist es ohne Zweifel wichtig, einzugeste­hen, dass der Fortbe­stand dieser Karikatur des Marx­is­mus nicht nur auf das Kon­to der glühen­den Verteidiger*innen der neolib­eralen Ord­nung geht, die vom Ende der Geschichte reden, das von der Herrschaft der kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien besiegelt wor­den wäre. Eben­so wenig sind es allein die neuen Bona­partis­men und ultra­recht­en Bewe­gun­gen, die in den let­zten Jahren aufgekom­men sind. Es ist auch ein ›Ver­di­enst‹ von siebzig Jahren stal­in­is­tis­chem Regime in der ehe­ma­li­gen Sow­je­tu­nion und den Län­dern Osteu­ropas sowie der Rolle der kom­mu­nis­tis­chen Parteien im Rest der Welt. Wie ein Alp­traum existiert diese Erfahrung im Gedächt­nis der Massen weit­er – vor allem in Europa. Dage­gen vorzuge­hen, ist für diejeni­gen von uns, die sich weit­er­hin auf den Marx­is­mus beziehen, noch immer eine notwendi­ge und beschw­er­liche Auf­gabe. Wir müssen diesem Marx­is­mus auf­grund dieser Geschichte voller Ver­rat das Adjek­tiv »rev­o­lu­tionär« hinzufü­gen, um – nicht immer erfol­gre­ich – einen Unter­schied zu denen zu markieren, die im Namen des Marx­is­mus lediglich seine Zer­störung durch­führten.

Aber eben­so haben diejeni­gen, die die Per­spek­tive ein­er sozial­is­tis­chen Regierung der Arbeiter*innen gle­ich mit aufgegeben haben, wenn sie mit dem stal­in­is­tis­chen Regime des ›Real­sozial­is­mus‹ abrech­nen, deut­lich gemacht, dass sie sich weigern, gegen den realen Kap­i­tal­is­mus vorzuge­hen. So wur­den sie – trotz einiger hochtra­ben­der Reden – schließlich zu dessen Kompliz*innen. »Ich halte es für logisch, dass die kom­mu­nis­tis­chen und sozial­is­tis­chen Parteien des entwick­el­ten kap­i­tal­is­tis­chen West­ens nicht nur ihre Tak­tik, son­dern ihre gesamte Strate­gie auf Grund­lage demokratis­ch­er Spiel­regeln entwick­eln«, sagte beispiel­sweise der Gen­er­alsekretär der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Spaniens, San­ti­a­go Car­ril­lo, im Jahr 1977 und läutete damit die Ära des Eurokom­mu­nis­mus ein.5 Und die Bour­geoisie begann, Hand in Hand mit der Sozialdemokratie und dem Stal­in­is­mus eben­so wie mit den Gew­erkschafts­bürokra­tien, das Spiel des Neolib­er­al­is­mus zu spie­len, in dem die arbei­t­en­den und armen Massen nur zu ver­lieren hat­ten.

Einige Jahrzehnte später – schein­bar am anderen Ende des poli­tis­chen Spek­trums – erneuerten sich die Utopi­en der zap­atis­tis­chen Selb­stver­wal­tungs­ge­bi­ete (»Cara­coles«) sowie der Räte der guten Regierung oder der sol­i­darischen Ökonomien, mit denen die Zap­atis­tas ihr schieres Über­leben sich­ern woll­ten. »In der heuti­gen Sit­u­a­tion (…) müssen wir die Welt ändern, auch wenn wir nicht wis­sen wie. Es funk­tion­iert nicht durch den Staat, es ist ein kollek­tiv­er Prozess, fra­gend schre­it­en wir voran, aber Teil dieses Prozess­es, in dem wir fra­gend voran­schre­it­en, ist es, der Vorstel­lung freien Lauf zu lassen, nicht wahr? Sich neue For­men des Kampfes, neue For­men der Organ­i­sa­tion vorzustellen, mit unser­er Fan­tasie«, antwortete John Hol­loway in einem Inter­view von 2002.6 Aber es ist auch klar, dass die Fan­tasie alleine nicht die Belagerung und Repres­sion durch Mil­itär und Paramil­itärs ver­hin­dern wird, genau­so wenig wirtschaftliche Block­aden oder neue Gren­zen. Sie allein wird es nicht aufhal­ten, dass wir im Elend und der Zer­störung leben, in die der Kap­i­tal­is­mus den Plan­eten treibt.

Schlussendlich nahm sich die real existierende Linke darauf nur noch vor, ›den Kap­i­tal­is­mus men­schlich­er zu gestal­ten‹, die ›Demokratie zu radikalisieren‹ oder ›die Rev­o­lu­tion zu machen, ohne die Macht zu übernehmen‹. Dies sind ver­schiedene Wege, eine bessere Zukun­ft zu erre­ichen und dabei der (zweifel­los schwieri­gen) Auf­gabe auszuwe­ichen, sich dem real existieren­den kap­i­tal­is­tis­chen Staat ent­ge­gen­zuset­zen.

Die ver­schiede­nen anti-neolib­eralen Fem­i­nis­men sind von diesen Per­spek­tiv­en oder von ver­schiede­nen Vari­anten davon nicht ver­schont geblieben. Egal ob sie die Per­spek­tive der Apoka­lypse oder der Inte­gra­tion in das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem vor Augen haben, ob sie sich vor dem Kampf um die Macht drück­en oder sich in die Insti­tu­tio­nen des poli­tis­chen Regimes ein­graben: diese ver­schiede­nen Strö­mungen scheinen sich vorzustellen, dass der Auf­bau ein­er kün­fti­gen Gesellschaft der Geschlechterg­erechtigkeit möglich ist, ohne sich allzu sehr die Hände schmutzig machen zu müssen. Diesen Strö­mungen gelingt sog­ar das Kun­st­stück, Frauen dazu aufzu­rufen, sich gegen den patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus aufzulehnen, ohne dabei jedoch zu erwäh­nen, dass dafür der Staat ange­grif­f­en und zer­stört wer­den muss.7 Das ist ein wirk­lich­es Prob­lem, denn die Befreiung der unter­drück­ten und aus­ge­beuteten Massen ist im Kap­i­tal­is­mus unmöglich »nicht nur ohne gewalt­same Rev­o­lu­tion, son­dern auch ohne Ver­nich­tung des von der herrschen­den Klasse geschaf­fe­nen Appa­rates der Staats­ge­walt.«8

Dies haben die Nieder­la­gen gezeigt, die schw­er auf den Schul­tern der Massen las­ten. Auch wenn es den­jeni­gen nicht gefällt, die sich einen schö­nen Platz im Schat­ten der Insti­tu­tio­nen des Regimes suchen – auf die Gefahr hin, sich in ihrer bürokratis­chen Kor­rup­tion zu ver­fan­gen –, und eben­so wenig denen, die sich an die Rän­der flücht­en, um frei zu bleiben vom Schmutz der Poli­tik – auf die Gefahr hin, nur sich selb­st zu ret­ten.

Den Himmel (und den kapitalistischen Staat) im Sturm erobern

Wo wir von Rev­o­lu­tio­nen sprechen… Welche Bedeu­tung kann eine Rück­kehr zu diesem Begriff haben, rund ein Jahrhun­dert nach der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion, durch die die Arbeiter*innenklasse in Rus­s­land die Macht ergrif­f­en hat­te? Welche Bedeu­tung kann sie haben auch beson­ders für Frauen und für diese neue fem­i­nis­tis­che Welle, die die Kon­ti­nente im 21. Jahrhun­dert durchzieht? Nun, die Bedeu­tung liegt darin, dass die Mobil­isierun­gen von Frauen heute, ein Jahrhun­dert später, die jeden 8. März die Metropolen erschüt­tern, uns aufzeigen, dass wir – auf mehreren Ebe­nen – ver­glichen mit dieser his­torischen Tat der Massen ein Jahrhun­dert im Rück­stand sind. Es zeigt auch, dass die durch die Schläge der Krise abgenutzten kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien ihre Zwangsmech­a­nis­men immer offen­er zeigen müssen – auf Kosten der Zugeständ­nisse des Wohlfahrtsstaats, die zuvor den gesellschaftlichen Kon­sens gesichert hat­ten.

Eine Rev­o­lu­tion, die mit einem wilden Streik der Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen am 8. März 1917 begann, endete acht Monate später mit dem Sturm auf das Win­ter­palais und der Eroberung der Macht durch die Arbeiter*innenklasse. Ein Sturm, der einen Sprung ins Ungewisse bedeutete, und in dem auch die Gewohn­heit­en, die zwis­chen­men­schlichen Beziehun­gen, die Sex­u­al­ität und das All­t­agsleben sich neugestal­teten. Die Frauen erhiel­ten das Recht, ein Ausweis­doku­ment zu besitzen, das Recht auf Schei­dung, auf Abtrei­bung. Die Ungle­ich­heit zwis­chen ehe­lichen und une­he­lichen Kindern wurde aufge­hoben, Frauen erhiel­ten Zugang zu Bil­dung und Arbeit in allen Berufen, die Krim­i­nal­isierung der Homo­sex­u­al­ität wurde aufge­hoben. Das Recht der Frauen, zu wählen und gewählt zu wer­den, wurde einge­führt, fortschrit­tliche Maß­nah­men zur Verge­sellschaf­tung der Hausar­beit wur­den unter­nom­men… und all dies, während »nicht nur die Rev­o­lu­tion, son­dern auch der Weltkrieg, der Bürg­erkrieg, die Dürre und die Pla­gen das alte Rus­s­land voll­ständig auf den Kopf stell­ten. Die Kräfte aller sozialen Klassen, die untere­inan­der gekämpft hat­ten, erschöpften sich oder erloschen. (…) Ende der 1920er-Jahre hat­ten Krankheit­en, Hunger und niedrige Tem­per­a­turen allein siebenein­halb Mil­lio­nen Russ*innen getötet, während der Krieg vier Mil­lio­nen Opfer gekostet hat­te.«9 Es ist klar, dass wir die Bedin­gun­gen, in denen wir kämpfen müssen, nicht selb­st wählen kön­nen. Aber es macht einen großen Unter­schied, ob man auf diesen Moment vor­bere­it­et ist oder nicht.

Diese pro­le­tarische Rev­o­lu­tion, die von den Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen aus­ging – eine der am stärk­sten unter­drück­ten Schicht­en der rus­sis­chen Arbeiter*innenklasse –, richtete sich gegen das autokratis­che Zaren­regime und entwick­elte sich weit­er zur bis dahin radikalsten Trans­for­ma­tion der kap­i­tal­is­tis­chen gesellschaftlichen Ver­hält­nisse. Ihr Echo hallt nach in den Stim­men der Frauen, die heute auf ihren Demon­stra­tio­nen – in den unter­schiedlich­sten Sprachen und mit den ver­schieden­sten Aus­drück­en – anprangern, dass die »Gle­ich­heit vor dem Gesetz (…) noch nicht Gle­ich­heit im Leben«10 bedeutet. Schlim­mer noch: dass sog­ar die »Gle­ich­heit vor dem Gesetz« ein Ver­sprechen ist, dass die kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien nicht mehr abgeben kön­nen, ohne sich zutief­st dafür schä­men zu müssen. Denn Mil­lio­nen von Men­schen ohne Papiere sind neuen For­men der Ver­sklavung unter­wor­fen, leben unter Bedin­gun­gen extremer Prekarisierung, wer­den ver­fol­gt, krim­i­nal­isiert oder wie Abfall behan­delt – wenn sie nicht ihr Grab in der mexikanis­chen Wüste find­en, die bere­its jet­zt schon von Leichen gepflastert ist, oder im kristal­lk­laren und fin­steren Grund des Mit­telmeers. Das Paradies liegt nie auf der anderen Seite der Gren­ze. Es gibt einige, die den Schiffs­bruch oder die Repres­sion der Gren­zpolizei über­leben, aber es gibt keine kollek­tive Ret­tung.

Daher reicht ein nahezu unbe­gren­ztes Ver­trauen in die pure Kun­st­fer­tigkeit der sozialen Bewe­gun­gen nicht aus, die ver­suchen, unbeschmutzt von ein­er ›unge­sun­den‹ Ein­mis­chung in die ver­rostete Poli­tik zu agieren. Eben­so genügt es nicht, sich auf eine Abgren­zung von der Mark­t­logik durch die sol­i­darische Ökonomie, die fem­i­nis­tis­che Selb­stver­wal­tung oder ähn­liche Vari­anten zu stützen, um sich vor den Gräueltat­en des Kap­i­tal­is­mus zu bewahren. Denn es ist für uns klar, dass es keine Möglichkeit des Aus­bruch­es aus der geschlechtlichen Unter­drück­ung und der Aus­beu­tung der Klas­sen­ge­sellschaft geben kann, die bei­de dieses ver­faulte Sys­tem struk­turi­eren, in dem wir leben. Doch wenn es keinen möglichen Ausweg für Mil­lio­nen Men­schen gibt und wir gle­ichzeit­ig nicht akzep­tieren wollen, die nat­u­ral­isierte Rolle als Opfer, die (nur) Wider­stand leis­ten kön­nen, einzunehmen, müssen wir notwendi­ger­weise disku­tieren, wie wir den patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus zer­stören, bevor er uns und den gesamten Plan­eten zer­stört.

Vor einem Jahrhun­dert war eine Rev­o­lu­tion notwendig, um am Ende einige Refor­men zu erre­ichen, die das Leben der Frauen tief­greifend verän­derten – und die selb­st für die damals fort­geschrit­ten­sten kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien uner­hört waren. Welchen effizien­teren und real­is­tis­cheren Weg gibt es heute, wenn es noch nicht mal mehr Raum zu geben scheint, um lediglich einen Kap­i­tal­is­mus ›mit men­schlichem Antlitz‹ zu ver­wirk­lichen?

Wenn die Per­spek­tive der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion die einzige wirk­lich real­is­tis­che ist, um die Lebens­be­din­gun­gen von Mil­lio­nen von Men­schen grundle­gend zu ändern, ist es notwendig zur Frage der Strate­gie zurück­zukehren. Denn es gibt keine Erfahrung, die uns aufzeigen würde, dass wir den Sozial­is­mus mit der schrit­tweisen Eroberung von Räu­men, Insti­tu­tio­nen und kleinen Nis­chen inner­halb der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft selb­st erschaf­fen kön­nten. Genau­so wenig kön­nen sich die Auf­stände, Auss­chre­itun­gen und Masse­nak­tio­nen allein in dauer­hafte Siege ver­wan­deln, zu denen in den sozialen Medi­en von allen und nie­man­dem aufgerufen wird.

Anders als die Bour­geoisie, die ihre wirtschaftliche Kraft entwick­elte, bevor sie dem Ancien Régime die poli­tis­che Macht entriss – wobei sie sich auf die Allianz mit den armen Massen stützen kon­nte –, müssen die vom Kap­i­tal­is­mus aus­ge­beuteten und unter­drück­ten Massen jeden Ver­such der Sab­o­tage des herrschen­den Sys­tems, jedes Stück ver­weigerten Mehrw­ert, jede ille­gale Aktion in Vertei­di­gung legit­imer Rechte teuer bezahlen. Deshalb benötigt die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion die vorherige Organ­isierung der Aus­ge­beuteten und der Unter­drück­ten, die sich für genau dieses Ziel vere­inen müssen. Es bedarf des Bewusst­seins über diese Ziele: Es bedarf der Strate­gie.

Vom ›was‹ zum ›wie‹ übergehen

Um auf die erwäh­nte Parole der argen­tinis­chen Frauen zurück­zukom­men: Es erscheint uns notwendig, auf die vagen Bedeu­tungsin­halte hinzuweisen, die dieses »Hoch mit dem Fem­i­nis­mus, er wird siegen, er wird siegen« annehmen kann. Auch wenn dieser Slo­gan auf den Demon­stra­tio­nen immer wieder­holt wird, ist unklar, was dieser »Sieg« für die heutige Frauen­be­we­gung sein soll, die auf der ganzen Welt für so unter­schiedliche und diverse Ziele auf die Straßen geht: gegen die geschlechtliche Lohn­lücke, gegen die Fem­i­nizide und die Gewalt auf­grund des Geschlechts, für das Recht auf Abtrei­bung, gegen die Wahler­folge der poli­tis­chen Recht­en, gegen Zwangsräu­mungen und Arbeit­slosigkeit, für den Sturz ein­er Regierung oder um das Jus­tizsys­tem zu kri­tisieren, gegen die Krim­i­nal­isierung der Proteste und der Migra­tion, für die Anerken­nung der Repro­duk­tion­sar­beit und gegen die Beläs­ti­gung am Arbeit­splatz…

Dabei gibt es dur­chaus Fortschritte. So wird beispiel­sweise die Idee eines automa­tis­chen Sturzes des patri­ar­chalen Sys­tems – ganz so als ob dieser objek­tiv im Ablauf der Ereignisse vor­pro­gram­miert wäre – von der Bewe­gung intu­itiv und iro­nisch infrage gestellt. Auf Demon­stra­tio­nen, auf denen die Mehrheit noch vom unauswe­ich­lichen Nieder­gang des Patri­ar­chats summt, gibt es auch Schilder, auf denen zu lesen ist: »Es [das Patri­ar­chat] wird nicht fall­en, wir wer­den es stürzen«. Dies ist ein flash­for­ward auf den Straßen, noch lange bevor die Debat­ten des antikap­i­tal­is­tis­chen Fem­i­nis­mus zu dieser Frage vorge­drun­gen sind.

Diese ellip­tis­che Aus­sage lässt sich leicht nachempfind­en, sie ist für die Frauen klar ver­ständlich, die in den let­zten Jahren auf die Straßen gegan­gen sind. Sie weist bere­its auf die Exis­tenz eines aktiv­en kollek­tiv­en Sub­jek­ts hin, muss aber noch in Pro­gramm und Strate­gie über­set­zt wer­den. Das heißt, es muss vom ›was‹ zum ›wie‹ überge­gan­gen wer­den. Das Patri­ar­chat wird nicht fall­en, wir müssen es nieder­reißen. Aber wie machen wir das? Wie die Geschichte zeigt, fiel der Sieg im Kampf der Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten nie vom Him­mel und wenn der Sieg eine Auf­gabe ist, braucht es die sub­jek­tive Bere­itschaft, ihn bewusst vorzu­bere­it­en.

Deshalb glauben wir, dass die derzeit­ige neue fem­i­nis­tis­che Welle mit ihren Massendemon­stra­tio­nen, Streiks und anderen Masse­nak­tio­nen, Debat­ten über das Ver­hält­nis von Fem­i­nis­mus und Marx­is­mus führen sollte. Denn die demokratis­chen und sozialen Forderun­gen, die auf den Demon­stra­tio­nen der Frauen gerufen wer­den, die anti­ras­sis­tis­chen, anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen und antikap­i­tal­is­tis­chen pro­gram­ma­tis­chen Erk­lärun­gen einiger Bere­iche der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung zwin­gen uns eben­so wie der Klassenkampf, in dem die Frauen eine bedeu­tende Rolle ein­nehmen, dazu, ein­mal mehr auf Stre­it­fra­gen zurück­zukom­men, die seit eini­gen Jahrzehn­ten ungelöst sind. Sie wur­den begraben, aus­ge­graben und mehr als ein­mal wieder beerdigt.

Eben­so ist es von entschei­den­der Bedeu­tung, wie wir das Ver­hält­nis zwis­chen Iden­tität­spoli­tik und Klassen­poli­tik denken. Wie etablieren wir Allianzen zwis­chen der Arbeiter*innenklasse (die heute so weib­lich ist wie nie zuvor) und anderen sozialen Grup­pen, die auch vom Kap­i­tal­is­mus unter­drückt wer­den? Wie kämpfen wir dafür, dass demokratis­che Forderun­gen in der Arbeiter*innenklasse Gehör find­en? Wir müssen auf all diese Punk­te zurück­kom­men. Aber vor allem ist es notwendig, »wieder die Wür­fel der strate­gis­chen Ver­nun­ft zu wer­fen.«11

Den Sturz des Patriarchats vorbereiten: die Aufgabe des antikapitalistischen Feminismus

Wie muss sich nun ein antikap­i­tal­is­tis­ch­er Fem­i­nis­mus vor­bere­it­en, der nicht das ewige Lied des Wider­stands sin­gen will, dass sich ohne eine Per­spek­tive auf den Sieg abfind­et? Zuallererst müssen poli­tis­ch­er Fre­und und Feind klar bes­timmt wer­den. In der Krise der neolib­eralen Hege­monie – und damit auch der Krise des Fem­i­nis­mus gle­ich­er Prä­gung – greifen nicht nur die Vari­anten des Recht­spop­ulis­mus um sich, son­dern auch andere poli­tis­che Ini­tia­tiv­en, die auf die eine oder andere Weise die bürg­er­lichen Demokra­tien stützen. Angesicht dieser Krise muss man den poli­tis­chen Stre­it mit ihnen suchen.

Die lohn­ab­hängige Klasse wird von der Gew­erkschafts­bürokratie wie von ein­er poli­tis­chen Polizei überwacht, damit sie in der Vertei­di­gung ihrer Rechte nicht über ihre engen Gren­zen schlägt, die das Regime ihr set­zt. Daran arbeit­en die Bürokra­tien der sozialen Bewe­gun­gen zeit­gle­ich mit, indem sie ver­hin­dern, dass sich die demokratis­chen Kämpfe mit der Gesamtheit der Forderun­gen der Arbeiter*innenklasse verbinden. Anstatt die Kräfte der Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten, die ja die Mehrheit der Bevölkerung aus­macht­en, zu bün­deln und in eine antikap­i­tal­is­tis­che und rev­o­lu­tionäre Rich­tung zu lenken, führt die Poli­tik der Bürokra­tien zum genauen Gegen­teil, zur Spal­tung und Befriedung.

Die lohn­ab­hängi­gen Klassen bleiben somit unter­ge­ord­net unter bürg­er­lich-nation­al­is­tis­che, neolib­erale oder reak­tionär-pop­ulis­tis­che Führun­gen. Während­dessen gewin­nen die Neo­re­formis­men mit ihrem klein­bürg­er­lichen Charak­ter Ein­fluss inner­halb der Jugend in den urba­nen Zen­tren, die Zugang zu ein­er höheren for­malen Bil­dung haben. Aber »der Kampf um die Hege­monie set­zt voraus, die klar abge­gren­zten Räume zu über­schre­it­en, die die Bour­geoisie der Arbeiter*innenbewegung ermöglicht, um dort ein für die kap­i­tal­is­tis­che Klassen­herrschaft harm­los­es poli­tis­ches Spiel zu spie­len. Heute sind diese Gren­zen schon zu eng, wie es durch sein Neg­a­tivbeispiel das Phänomen des ›Neo­re­formis­mus‹ zeigt. In ein­er ›gesät­tigten‹ poli­tis­chen Struk­tur wie der gegen­wär­ti­gen, ist es nur durch den Kampf, in seinem voll­ständig­sten Sinne, möglich, dass sich eine rev­o­lu­tionäre Kraft den Weg bah­nt.«12

Ist der antikap­i­tal­is­tis­che Fem­i­nis­mus für eine solche rev­o­lu­tionäre Per­spek­tive bere­it? Ist die Arbeiter*innenklasse bere­it, die Führung in Form der Gew­erkschafts­bürokra­tien zu über­winden, die ihr heute die Hände bindet? Für bei­des reicht es nicht, in kleinen Zirkeln zu fem­i­nis­tis­chen Streiks aufzu­rufen und sich dann hinzuset­zen und darauf zu warten, dass diese stat­tfind­en. Dafür ist es notwendig, einen Kampf zu führen, der damit anfängt, rev­o­lu­tionäre Frak­tio­nen in den Massenor­gan­i­sa­tio­nen der Arbeiter*innen aufzubauen. Diese müssen die Fähigkeit entwick­eln, die Bürokratie zu besiegen und zu über­winden. So kann sich die Arbeiter*innenbewegung aus ihrem Korsett befreien und die Ein­heit mit anderen gesellschaftlichen Bere­ichen vorantreiben, im Kampf für all die Forderun­gen, die in der großen Mehrheit der Men­schen Wider­hall find­en.

Solche Verbindun­gen müssen auch zu den sozialen Bewe­gun­gen gesucht wer­den. Aktuell wer­den diese mehrheitlich von Jugendlichen und Studieren­den in den urba­nen Zen­tren getra­gen. An ihren Protesten nehmen die Teilnehmer*innen vor allem als »Staatsbürger*innen« teil, das heißt, als staatlich reg­ulierte Indi­viduen und nicht mit der Kraft als Teil ein­er Klasse. Daher ist es dort notwendig, Brück­en hin zu der gesellschaftlichen Mehrheit der lohn­ab­hängi­gen Klasse zu schla­gen, in der Frauen heute mehr als 40 Prozent aus­machen. Die Exis­tenz dieser sozialen Bewe­gun­gen wie der Fem­i­nis­mus, die in den let­zten Jahren weltweit die poli­tis­che Bühne betreten haben, eröffnet die Möglichkeit, antikap­i­tal­is­tis­che und rev­o­lu­tionäre Flügel aufzubauen, die sich gegen ihre eige­nen Bürokra­tien auflehnen. Die Bürokra­tien der sozialen Bewe­gun­gen sind zwar weniger sicht­bar als die in den Gew­erkschaften, aber sie betäti­gen sich auch im Fem­i­nis­mus, um ihn mith­il­fe ver­schieden­er bürg­er­lich­er poli­tis­ch­er Vari­anten dem kap­i­tal­is­tis­chen Staat unterzuord­nen.

Deshalb ist es ein poli­tis­ch­er Kampf: »Es han­delt sich um den Kampf der Bewe­gun­gen, den Klassenkampf; aber auch um den poli­tis­chen Kampf, den wir heute führen müssen, indem wir diejeni­gen ent­lar­ven, die sich als kleinere Übel verkaufen. Sie repräsen­tieren das fre­undlich­ste Gesicht der kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien angesichts der Dele­git­imierung der tra­di­tionellen Vari­anten der kap­i­tal­is­tis­chen Regime.«13 Es ist der Kampf, der ver­hin­dern will, dass das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung inte­gri­eren und assim­i­lieren kann, die ger­ade heute begin­nt, es infrage zu stellen.

Mil­lio­nen lohn­ab­hängige Arbei­t­erin­nen und Arbeit­er sind ver­ant­wortlich für die Energiev­er­sorgung und die Telekom­mu­nika­tion, sie fahren die Verkehrsmit­tel, die die Zirku­la­tion von Waren und Arbeit­skraft garantieren, sie real­isieren die ›unsicht­bare‹ Arbeit der Reini­gung – all dies ermöglicht es dem Kap­i­tal­is­mus, täglich zu funk­tion­ieren. Diese aus­ge­beutete Klasse – die immer weib­lich und ›ras­si­fiziert‹ ist – hat nicht nur die Macht in ihren Hän­den, die großen Metropolen lah­mzule­gen, indem sie das Funk­tion­ieren der Wirtschaft unter­brechen und die kap­i­tal­is­tis­chen Gewinne schädi­gen kann, son­dern sie ist auch in der Lage, Allianzen mit anderen Sek­toren der Massen knüpfen, die vom Kap­i­tal unter­drückt wer­den.14

Wenn wir dieses Poten­tial nicht nutzen, führen wir uns selb­st unauswe­ich­lich in die Nieder­lage. Wenn wir den Kap­i­tal­is­mus tödlich ver­let­zen wollen, müssen wir auf unser­er Seite die Mil­lio­nen Frauen (und Män­ner) haben, die über diese Kampfkraft ver­fü­gen.

Siegen bedeutet mehr, als sich zu wider­set­zen. Wir wollen nicht nur bei der Vertei­di­gung unseres ele­men­tarsten Recht­es aufs Über­leben ste­hen­bleiben, während unser gesellschaftlich­er Anteil unter den Schlä­gen des Kap­i­tals immer klein­er wird. Die Bour­geoisie besitzt die Macht des Staates, um all die Aus­beu­tung und Plün­derung hin­ter ein­er immer weit­er bröck­el­nden Fas­sade zu ver­schleiern. Sie besitzt auch das Gewalt­monopol, um den Sta­tus quo aufrechtzuer­hal­ten, wenn ersteres nicht mehr aus­re­icht. Wir müssen daran arbeit­en, dass wir ›auf unser­er Seite‹ auf die Kräfte der Mehrheit der Gesellschaft zählen kön­nen. Es gilt, daran zu erin­nern, dass das rev­o­lu­tionäre Poten­tial dieser Kräfte immer noch so bedrohlich ist, dass die herrschende Klasse ihnen nicht zu kämpfen erlaubt, damit ihr nicht die Macht entris­sen wird, und es stattdessen besten­falls zum pas­siv­en Wider­stand verurteilt wird.

Unser Ziel muss es sein, die Funk­tion­sweise der Ökonomie und die kollek­tive Ver­wal­tung des Öffentlichen tief­greifend zu demokratisieren. Dafür ist es wichtig, dass wir heute – in der Vor­bere­itungszeit – nicht nur Kämpfe begleit­en, unsere Kör­p­er in Bewe­gung set­zen und auf die Straßen gehen, son­dern auch poli­tis­che und ide­ol­o­gis­che Debat­ten führen, damit ein Großteil der Bewe­gung sich diese Per­spek­tive zu eigen macht. Mil­lio­nen Unter­drück­te und Aus­ge­beutete wollen »die erbit­terte Vertei­di­gung ein­er Unversehrtheit, die von der Zer­störung bedro­ht ist«15 hin­ter sich lassen und, wenn die gesam­melten Kräfte und die Bedin­gun­gen es zulassen, in die Offen­sive gehen, um den Sieg zu errin­gen.

»Where have all the Rebels gone?« Per­spek­tiv­en auf Klassenkampf und Gegen­macht
Christo­pher Wim­mer (Hg.)
»Where have all the Rebels gone?«
Per­spek­tiv­en auf Klassenkampf und Gegen­macht

ISBN 978–3‑89771–277‑5
Erschei­n­ungs­da­tum: März 2020
Seit­en: 304
Ausstat­tung: Soft­cov­er, Klapp­broschur
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Fußnoten

1.Ben­saïd, Daniel: Résis­tances. Essai de taupolo­gie générale. París 2001, S. 29. Eigene Über­set­zung.

2.Alba­monte, Emilio/Maiello, Matías: Estrate­gia social­ista y arte mil­i­tar. Buenos Aires 2017, S. 529. Eigene Über­set­zung.

3.Ander­son, Per­ry: In the Tracks of His­tor­i­cal Mate­ri­al­ism. Lon­don 1983, S. 59. Eigene Über­set­zung.

4.Ben­saïd, Daniel: Elo­gio de la políti­ca pro­fana. Barcelona 2009, S. 165. Eigene Über­set­zung.

5.Car­ril­lo, San­ti­a­go: Euro­co­mu­nis­mo y Esta­do. Barcelona 1977. Eigene Über­set­zung.

6. Quirarte, Ben­jamín: Cam­biar el mun­do sin tomar el poder. Inter­view mit John Hol­loway. Eigene Über­set­zung.

8. Lenin, Wladimir I.: Staat und Rev­o­lu­tion. In: Ders.: Werke, Bd. 25. Berlin 1972, S. 400. Her­vorhe­bung im Orig­i­nal.

9. Andrea D’Atri, Andrea: Abrir paso a las más pro­fun­das y ver­daderas refor­mas. Buenos Aires 2011, S. 18. Eigene Über­set­zung.

10. Lenin, Wladimir I.: An die Arbei­t­erin­nen. In: Ders.: Werke, Bd. 30. Berlin 1961, S. 363.

11. Ben­saïd, Daniel: Frag­men­tos descreí­dos. Barcelona 2010, S. 18. Eigene Über­set­zung.

12. Albamonte/Maiello 2017, S. 551. Eigene Über­set­zung.

13. D’Atri/Murillo. A.a.O.

14. D’Atri, Andrea: Décon­stru­ire le fémin­isme civil­i­sa­tion­nel. À pro­pos d’Un Fémin­isme Décolo­nial, de Fran­coise Vergès. Eigene Über­set­zung.

15. Ben­saïd 2001, a.a.O. Eigene Über­set­zung.

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