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Der Sieg der Unzähmbaren von LEAR

Eine Analyse der Gründe für den Sieg und die Debat­ten in der Linken

Der Sieg der Unzähmbaren von LEAR

// Eine Analyse der Gründe für den Sieg und die Debat­ten in der Linken //

Nach sieben Monat­en Kampf und etlichen Block­aden der Panamer­i­cana, der größten Auto­bahn Südamerikas, haben die Arbei­t­erIn­nen des multi­na­tionalen US-Autozulief­er­ers Lear gesiegt. Vom “ArbeitgeberInnen“verband als “Kon­flikt des Jahres” getauft, stellt dieser Kampf einen Meilen­stein dar. Denn die Arbei­t­erIn­nen von Lear set­zten gegen die „heilige Allianz“ – beste­hend aus einem impe­ri­al­is­tis­chen Unternehmen, der Gew­erkschafts­bürokratie und der Regierung – ihre Forderun­gen durch.

Wed­er die Regierung, noch ihr Hand­langer Berni (Innen­min­is­ter); wed­er die Gew­erkschafts­bürokratie der SMATA (Gew­erkschaft der Auto­mo­bilin­dus­trie), noch ein mächtiges multi­na­tionales Unternehmen wie die Lear Cor­po­ra­tion, kon­nten den Siegeswillen der Lear-Beschäftigten brechen.

Nach sieben Monat­en unun­ter­broch­en­em Kampf wur­den die “Unzähm­baren” von Lear wieder eingestellt. Sie beugten sich wed­er der Repres­sion, die von der “pro­gres­siv­en” Regierung von Cristi­na Fer­nán­dez de Kirch­n­er aus­ging, noch den üppi­gen Abfind­un­gen, die das Unternehmen anbot, um den Kampf abzuwür­gen. Ein Sieg in viel­er­lei Hin­sicht.

Der Plan der GegnerInnen: Die Lear Corporation, die Gewerkschaftsbürokratie der SMATA und die Regierung

Die Geschäft­sleitung von Lear, die Gew­erkschafts­bürokratie und die Lan­desregierung woll­ten sich die laufende Wirtschaft­skrise zunutze machen, um die Auto­mo­bilin­dus­trie von kämpferischen Delegierten der Arbei­t­erIn­nen und AktivistIn­nen zu “säu­bern” und somit ein Kli­ma zu schaf­fen, dass es ihnen erlaubt, die Arbeits­be­din­gun­gen zu flex­i­bil­isieren. Und dies in jen­er Indus­trie, die der Kirch­ner­is­mus als eine Vorzeigein­dus­trie preist. Die Kap­i­tal­istIn­nen – ein­heimis­che wie aus­ländis­che –, gemein­sam mit der “nationalen und volk­sna­hen” Regierung von Cristi­na Fer­nán­dez de Kirch­n­er und der Gew­erkschafts­bürokratie, ver­sucht­en mit­tels Ent­las­sun­gen und Zwangs­beurlaubun­gen den steigen­den Ein­fluss der kämpferischen Delegierten einzudäm­men.

Der direk­te Vor­bote von Lear war die Fir­ma Gestamp, wo nach Masse­nent­las­sun­gen und dem Ver­such, die kämpferischen Sek­toren mund­tot zu machen, die verbliebe­nen Beschäftigten ein­er immer krasseren Aus­beu­tung unter­wor­fen wer­den soll­ten. Genau dieser Plan war auch für die Arbei­t­erIn­nen der Lear Cor­po­ra­tion bes­timmt gewe­sen. Denn in dieser Fab­rik hat­ten sich die kämpferischen Delegierten geweigert, eine Vere­in­barung zu unter­schreiben, die sehr viel gerin­gere Löhne für alle Neueingestell­ten etabliert hätte.

Für die Bosse stellte der Angriff auf die Arbei­t­erIn­nen bei Lear die Speer­spitze gegen das beste­hende argen­tinis­che Arbeit­srecht dar: Sie woll­ten eine der tra­gen­den Säulen des Arbeit­srechts ein­reißen und mas­sive Ent­las­sun­gen durch­set­zen, ohne die hier­für entsprechend gel­tende Krisen­verord­nung [1] einzuhal­ten. Wären die Lear-Bosse mit ihrem Plan davongekom­men, hätte die gesamte Kap­i­tal­istIn­nen­klasse Argen­tiniens die Gun­st der Stunde genutzt, um massen­haft Arbei­t­erIn­nen rauszuschmeißen, ohne auf die besagten Präven­tionsver­fahren warten zu müssen. Dabei kon­nten sie über Monate hin­weg auf die Unter­stützung des Arbeitsmin­is­teri­ums zählen, welch­es dieses ille­gale Vorge­hen ermöglichte, während die Regierung ihrer­seits mit der Repres­sion der Arbei­t­erIn­nen beschäftigt war: Eine opti­male Arbeit­steilung.

Zulet­zt sei daran erin­nert, dass der Angriff bei Lear im Rah­men ein­er all­ge­meinen Offen­sive der Kap­i­tal­istIn­nen gegen die Arbei­t­erIn­nen stat­tfand. Es war ein Jahr, in dem die Regierung und die Kap­i­tal­istIn­nen ver­sucht­en, die Last der Krise den Arbei­t­erIn­nen mit­tels Infla­tion, Lohnzurück­hal­tung, Ent­las­sun­gen und Aussper­run­gen aufzubür­den.

Es waren unglaublich mächtige Geg­ner­In­nen. Es schien unmöglich, gegen diese Allianz zu siegen. Und den­noch haben die “Unzähm­baren” gewon­nen. Zwar gab es, wie in jedem Krieg üblich, “Ver­luste”, aber umso wichtiger wurde ihr Sieg, denn sie sind zu einem Beispiel für Mil­lio­nen Beschäftigte gewor­den. Sie führten Mil­lio­nen Beschäftigten vor Augen, wie ein solch­er Kampf anzuge­hen ist.

Mächtigen GegnerInnen mit einem entschlossenen Kampf begegnen

Wenn die “Unzähm­baren” von Lear gegen solch mächtige Geg­ner­In­nen beste­hen kon­nten, dann liegt das daran, dass dieser Kon­flikt nicht als ein rein syn­dikalis­tis­ch­er geführt wurde, son­dern als große Klassenkampf­schlacht, bei der alle möglichen eige­nen und ver­bün­de­ten Kräfte gesam­melt wur­den. Lear siegte, weil es ein großer poli­tis­ch­er Kon­flikt war, weil es sich in den Augen von Mil­lio­nen um ein berechtigtes Anliegen han­delte, und dabei unter­stützt wurde. Diese Strate­gie ver­fol­gten wir seit­ens der PTS und gaben all unsere Kraft, um sie bis zum Ende zu führen.

Eine solche strate­gis­che Aus­rich­tung, eben eine tat­säch­liche Arbei­t­erIn­nen­poli­tik, die ele­men­tar für die Organ­i­sa­tio­nen der Linken sein sollte, ist genau das, was jene Sek­toren mit ein­er eng­stirni­gen syn­dikalis­tis­chen Vorstel­lung von Arbei­t­erIn­nenkämpfen nicht ver­ste­hen kon­nten. Sie maßen das Kräftev­er­hält­nis lediglich an der Bere­itschaft der verbliebe­nen und ent­lasse­nen Arbei­t­erIn­nen, ohne die all­ge­meinere poli­tis­che Sit­u­a­tion und eben­so die Risse inner­halb der herrschen­den Klassen zu betra­cht­en.

Einige von ihnen erk­lärten mehr als ein­mal sehr schnell den Kon­flikt für ver­loren. Die Strate­gie der PTS, unsere Unnachgiebigkeit und Entschlossen­heit, wurde als sek­tiererisch, als außer­halb der Real­ität beze­ich­net. Sie wurde sog­ar als Tak­tik umdeklar­i­ert, die nur dazu da wäre, um ins Fernse­hen kom­men. Und nun? Hof­fentlich ziehen diese Leute jet­zt die richti­gen Schlussfol­gerun­gen aus diesem Kon­flikt.

Unsere gemein­sam mit den Arbei­t­erIn­nen getrof­fene Entschei­dung für einen Kampf bis zur let­zten Kon­se­quenz war, wie sich jet­zt her­ausstellt, kein “Vol­un­taris­mus”, son­dern stützte sich vielmehr auf eine klare Strate­gie für den Sieg.

Obwohl auf der anderen Seite solch mächtige Geg­ner­In­nen standen, wur­den Breschen in die Rei­hen der Gegen­seite geschla­gen, denn es bildete sich unter dem Ban­ner der Arbei­t­erIn­nen von Lear eine riesige Ein­heits­front, die sich ihnen ent­ge­gen­stellte: Unter der Losung “Fam­i­lien auf der Straße? – Nie wieder!” sam­melten sich Men­schen­recht­lerIn­nen, Arbei­t­erIn­nenor­gan­i­sa­tio­nen, Studierende, poli­tis­che FührerIn­nen selb­st aus dem bürg­er­lichen Lager, Intellek­tuelle, Kün­st­lerIn­nen, Jour­nal­istIn­nen, Sport­lerIn­nen u.v.m. zur Unter­stützung der Arbei­t­erIn­nen und gegen die Aas­geier von Lear und die unmögliche Gew­erkschafts­bürokratie.

Das war die Stärke, die nötig war, um den Kon­flikt über sieben Monate hin­weg nach vorne zu treiben: Wir organ­isierten 15 lan­desweite Kampf­tage mit 14 Block­aden der Panamer­i­cana und Aktio­nen in ver­schiede­nen Lan­desprov­inzen, wir stell­ten uns ein ums andere Mal der Repres­sion mit 22 Festgenomme­nen und mehr als 80 Ver­let­zten ent­ge­gen, es wur­den Märsche zum Arbeitsmin­is­teri­um, zur US-Amerikanis­chen Botschaft und zur Nor­damerikanis­chen Han­del­skam­mer in Buenos Aires ver­anstal­tet. Block­aden wur­den errichtet, Kundge­bun­gen abge­hal­ten, eine 12-tägige Aussper­rung aus­ge­sessen, den Schlägertrup­ps der Gew­erkschafts­bürokratie (SMATA) in der Fab­rik, im Gew­erkschaft­shaus, im Kongress der Nation wider­standen, 57 Aus­gaben der Kampfzeitung her­aus­gegeben, ein klassenkämpferisches Arbei­t­erIn­nen­tr­e­f­fen mit den Beschäftigten von Don­nel­ley, Emfer und anderen Sek­toren organ­isiert und eine Streikkasse mit etwa 100.000 Euro gesam­melt.

Das alles erhielt diesen Kampf aufrecht. In all diesen Aspek­ten kann die PTS mit Stolz behaupten, diejenige Kraft gewe­sen zu sein, die zusam­men mit den Arbei­t­erIn­nen das Meiste gab, um all dies möglich zu machen.

Diejeni­gen, die sich ereifer­ten, den Kon­flikt für gescheit­ert zu erk­lären, nah­men nicht ein­mal zur Ken­nt­nis, dass bere­its vor der Wiedere­in­stel­lung der “Unzähm­baren” wichtige poli­tis­che Erfolge erzielt wur­den. So zum Beispiel der Gesichtsver­lust der Gew­erkschafts­bürokratie der SMATA und der Gen­darmerie, welche vom Kirch­ner­is­mus als “Teil des Volkes” umdeklar­i­ert wurde.

Ein weit­er­er Erfolg war, dass Mil­lio­nen Men­schen beobacht­en kon­nten, wie die Linke auf der Seite der Arbei­t­erIn­nen kämpfte und ihre Inter­essen vertei­digte: vor den Werk­storen, bei den Straßen­block­aden, im Par­la­ment. Die Abge­ord­neten der PTS/FIT Nicolás del Caño und Chris­t­ian Castil­lo erhiel­ten dafür eine große Anerken­nung. Dies alles sind Schlussfol­gerun­gen, die von Mil­lio­nen gezo­gen wur­den und welche dabei helfen, den Bruch mit dem Kirch­ner­is­mus und die Entwick­lung ein­er rev­o­lu­tionären Linken zu beschle­u­ni­gen.

Allein für sich genom­men sind all dies große Errun­gen­schaften dieser Auseinan­der­set­zung. Jedoch haben genau diese poli­tis­chen Siege ins­ge­samt auf qual­i­ta­tive Weise das Kräftev­er­hält­nis des Kon­flik­ts zugun­sten der Wiedere­in­stel­lung der Ent­lasse­nen bee­in­flusst.

Während sich der Kampf in die Länge zog, ver­schärfte sich zudem der Wider­spruch zwis­chen dem Han­deln der Regierung, der Bosse und der Gew­erkschafts­bürokratie und ihrer eige­nen Geset­zlichkeit des bürg­er­lichen Staates immer weit­er. Das Kräftev­er­hält­nis im All­ge­meinen, im Zusam­men­spiel mit dem enor­men Zugewinn an Sym­pa­thien unter den Massen und darüber hin­aus die Spal­tun­gen in der herrschen­den Klasse waren alles Fak­toren, die sich auf der rechtlichen Ebene auswirk­ten. Wenn es einen Riss im Regime gibt, der im Sinne der Arbei­t­en­den genutzt wer­den kann, dann darf diese Gele­gen­heit nicht ver­schenkt wer­den.

Konkret drück­te sich dies vor­rangig in den let­zten Zügen des Kon­flik­tes durch zwei “ami­ci curi­ae” [2] aus, auf der einen Seite repräsen­tiert durch den Nobel­preis­gewin­ner Adol­fo Pérez Esquiv­el und die “Mut­ter des Plaza de Mayo” [3] Nora Cor­tiñas, und auf der anderen Seite durch das Zen­trum der Sozialen und der Rechtsstu­di­en (CELS), geleit­et durch den Schrift­steller, Men­schen­rechtler und Unter­stützer der Regierungspoli­tik des Kirch­ner­is­mus, Hora­cio Ver­bit­sky. Hinzu kam ein Brief, der von Abge­ord­neten aus fast allen Frak­tio­nen unter­schrieben wurde.

All jene Sek­toren, die über sieben Monate hin­weg ver­ant­wor­tungslose “Ratschläge” gaben, haben von all dem nichts ver­standen. Es fehlten natür­lich auch nicht diejeni­gen, die in ein­er Fab­rikbe­set­zung den Schlüs­sel für die Kon­flik­tlö­sung ansa­hen. Dies mag sehr kämpferisch erscheinen, ist aber wenig intel­li­gent. Denn sowohl Lear als auch Ford hat­ten sich auf einen lan­gen Kon­flikt vor­bere­it­et. Sie hat­ten die Lager aufge­füllt und steck­ten mit der Regierung unter ein­er Decke, denn jene erlaubte es Ford, die Pro­duk­te zu importieren, welche sie son­st in Argen­tinien pro­duziert. Dies tat sie, obwohl es den Ver­lust der nöti­gen Devisen bedeutete, die in der Wirtschaft des Lan­des eigentlich fehlen.

Eine Fab­rikbe­set­zung hätte wahrschein­lich nur den Effekt gehabt, zu ein­er schnellen Nieder­lage zu führen. Diejeni­gen, die lediglich das Kräftev­er­hält­nis zwis­chen ein­er bes­timmten Unternehmensleitung und ein­er bes­timmten Gruppe von Arbei­t­erIn­nen betra­cht­en, kön­nen keine Strate­gie entwick­eln, die jeden wichti­gen Arbeit­skampf in eine große Schlacht des Klassenkampfes ver­wan­delt, in einen poli­tis­chen Kon­flikt mit großer Ausstrahlung und in eine Schlacht, die die Unter­stützung der Massensek­toren gewin­nt.

Damit die Arbei­t­erIn­nen­klasse sich als Sub­jekt her­vor­tut und der Auf­bau ein­er rev­o­lu­tionären Partei voran­schre­it­et, ist mehr Arbei­t­erIn­nen­poli­tik notwendig und weniger Syn­dikalis­mus. Daher ist es notwendig, jeden großen Arbeit­skampf als eine große Schlacht im Klassenkampf anzuse­hen!

Fußnoten:

1. Das “Pro­ced­imien­to Pre­ven­ti­vo de Cri­sis de Empre­sas” (Präven­tionsver­fahren für Unternehmen­skrisen) ver­hin­dert, dass Unternehmen Masse­nent­las­sun­gen willkür­lich vornehmen. Ein Unternehmen kann nicht auf höhere Gewalt, ökonomis­che oder tech­nis­che Schwierigkeit­en hin­weisen, ohne die besagten Präven­tionsver­fahren zu durch­laufen. Somit wer­den den Unternehmen legale Schranken geset­zt, um Ent­las­sun­gen ein­seit­ig anzukündi­gen.
2. Der Begriff beze­ich­net eine Per­son oder eine Organ­i­sa­tion, die sich an einem Gerichtsver­fahren beteiligt, ohne selb­st Partei zu sein.
3. Die Müt­ter des Plaza de Mayo sind argen­tinis­che Frauen, deren Kinder und Enkel in der argen­tinis­chen Mil­itärdik­tatur “ver­schwan­den” und die auch schon während der Mil­itärdik­tatur dage­gen protestierten.

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