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Brauchen Gewerkschaften Statist*innen?

Die GEW ist nicht der erste Ver­band, der Kompars*innen für ihre Protes­tak­tio­nen anstellt. Aber ist das sin­nvoll? Ein Kom­men­tar.

Brauchen Gewerkschaften Statist*innen?

// Die GEW ist nicht der erste Ver­band, der Kompars*innen für ihre Protes­tak­tio­nen anstellt. Aber ist das sin­nvoll? Ein Kom­men­tar. //

“Furcht­bar” sei der Ganzkör­per­anzug, “man kann nicht atmen und es drückt gegen die Nase.” Marine Kerviz­ic steckt in einem roten Kostüm, das auch ihr Gesicht bedeckt. “Befris­tet” ste­ht darauf. 45 Men­schen tra­gen das gle­iche Out­fit auf ein­er Demon­stra­tion von der Hum­boldt-Uni­ver­sität zum Bran­den­burg­er Tor. Fünf unter ihnen haben den gle­ichen Anzug in grün, bei ihnen ste­ht “Unbe­fris­tet”. Mit der Aktion wollen sie die Arbeitsver­hält­nisse unter den Beschäftigten an der Uni­ver­sität ver­an­schaulichen: Nur ein­er von zehn wis­senschaftlichen Mitarbeiter*innen hat einen unbe­fris­teten Ver­trag.

Mit diesem bun­ten PR-Event begann die Aktionswoche der Gew­erkschaft Erziehung und Wis­senschaft (GEW) gegen prekäre Beschäf­ti­gung an den Uni­ver­sitäten.

Als Reporter*in will man wis­sen: Wie ist es für eine*n Gewerkschaftsaktivist*in, sich so komisch verklei­den? Aber Kerviz­ic antwortet, dass sie nicht an der Uni arbeit­et und auch nicht in der Gew­erkschaft ist. Sie arbeit­et bei ein­er Kompars*innen-Agentur und tritt nor­maler­weise im Hin­ter­grund von Fil­men auf.

“Eher ungewöhn­lich” ist ein poli­tis­ch­er Auftritt, ergänzt ein Kol­lege. 70 Euro bekom­men sie für einen vier­stündi­gen Auftritt mit Trom­meln, Protestschildern und Fly­ern. “Kein richtiger Job” sei das – selb­stver­ständlich ohne Job­sicher­heit. Man bekommt einen solchen Auftritt alle paar Wochen.

Prekarisierung bet­rifft also doch alle.

Unter den roten und grü­nen Men­schen sind nicht nur Statist*innen, son­dern auch Betrof­fene. Das genaue Ver­hält­nis zwis­chen bezahlten und unbezahlten Protestierer*innen lässt sich wegen der Kostüme wiederum nicht ein­schätzen. Aber der GEW-Vor­stand bestätigt, dass die Gruppe “gemis­cht” war.

Eins ste­ht lei­der fest: Mit einem gew­erkschaftlichen Kampf hat diese Aktionswoche wenig zu tun. Die GEW greift nicht auf die Kampfmit­tel der Arbeiter*innenbewegung – näm­lich Streiks – zurück, son­dern auf die Aktions­for­men von NGOs: Pro­fes­sionell insze­nierte Events für die Presse und aufwendig recher­chierte Lob­b­yarbeit für die Politiker*innen.

“Ein Arbeit­skampf wäre rechtswidrig” erk­lärt Andreas Keller vom GEW-Vor­stand auf ein­er Pressekon­ferenz. Im Wis­senschaft­szeitver­trags­ge­setz (Wis­sZeitVG) gibt es eine “Tar­if­sperre”, die Tar­ifver­hand­lun­gen und damit auch Streiks in Bezug auf Befris­tung an den Hochschulen ver­bi­eten. Deswe­gen sei man zu den Aktions­for­men gezwun­gen.

Doch ein Streikrecht haben Lohn­ab­hängige nur, wenn sie es sich nehmen. Warum soll­ten die Herrschen­den frei­willig das Streikrecht ausweit­en, wenn sie nicht unter Druck geset­zt wer­den? Und wie will man Druck auf­bauen, ohne zu streiken? Der Legal­is­mus der Gew­erkschafts­führung führt in einen Teufel­skreis – obwohl es immer Möglichkeit­en gibt, einen Arbeit­skampf trotz des restrik­tiv­en Streikrechts der BRD juris­tisch zu begrün­den.

Die Kassenärztliche Bun­desvere­ini­gung hat­te Ende 2006 Auf­se­hen erregt, als sie für eine Protes­tak­tion vor dem Reich­stag 170 Statist*innen mit weis­sen Kit­teln auf­marschieren ließ. Seit damals schienen Gew­erkschaften von dieser Protest­form Abstand genom­men zu haben.

Und zu Recht!

Denn in den deutschen Gew­erkschaften lässt sich Out­sourc­ing über­all beobacht­en: Die Kan­tine in der ver.di-Zentrale wird vom Bil­li­gan­bi­eter Sodex­ho betrieben, Bil­dungsstät­ten wer­den aus­ge­lagert, Kam­pag­nen wer­den von PR-Fir­men entwick­elt. Aber mit Hil­fe von Statist*innen wer­den auch noch die Mit­glieder out­ge­sourct!

Damit erre­icht die Gew­erkschaft einen Gipfel der “NGO­isierung”: Man ver­ste­ht sich nicht als lebendi­ge Organ­i­sa­tion von aktiv­en Arbeiter*innen, son­dern als einen Appa­rat, der von den Mit­gliedern Beiträge kassiert und stel­lvertre­tend für diese Lob­b­yarbeit betreibt.

Green­peace lässt grüßen!

Statt Statist*innen brauchen wir eine aktive Organ­i­sa­tion der Arbeiter*innen. Die Gew­erkschaftsmit­glieder müssen selb­st entschei­den, welche Forderun­gen sie erheben und mit welchen Mit­teln sie dafür kämpfen. Da kön­nen schon Zweifel aufkom­men, ob sie sich für Ganzkör­per­anzüge entschei­den wür­den.

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